Band 
Erster Band.
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92 Die socialen Bewegungen der Gegenwart.

praktisch ins Leben hineingeführt, und durch die Republik im Staate, durch dieErziehung in der Gesellschaft verwirklicht werden müsse. In dieser Federung lagein ungeheurer Schritt vorwärts; durch sie bildet Rousseau die Brücke von deridealen Welt der Philosophie zu der praktischen, und darum kommen Alle, die andiese Verwirklichung glauben, immer wieder auf Rousseau zurück. Allein trotzdemhatte Rousseau, so wenig als Die, welche ihm in, Allgemeinen zustimmten, wie Voltaire,Diderot u. A., ein Gebiet noch nicht berührt: wie sich der Besitz zu dieser Ideeder Gleichheit verhalte, hatte er nicht gefragt. Indessen während er für die re-publikanische Gleichheit arbeitete, ging neben ihm her eine zweite Bewegung, welchedie gesellschaftliche suchte.

Die Zeit, in der Plato's Werk von der Republik dem europäischen wissenschaft-lichen Leben recht bekannt wurde, das 16. Jahrhundert, war zugleich die Zeit des Be-ginns ernster gesellschaftlicher Kämpfe. Tiefer blickende Geister hatten erkannt, daßaus den Verhältnissen der Gesellschaft am Ende die Form und das Recht der Staa-ten beruhe. Die Wirklichkeit dieser Gesellschaft entsprach aber wenig Demjenigen, wa-msn als ihr Ideal betrachten mußte. Die höhere Anschauung menschlicher Dingeflüchtete sich daher in die reine Gedankenwelt, und hier gestaltete man nun nachdem platonischen Vorbilde sich eine Ordnung der Dinge, in der dem Grundsätze derGleichheit auch das bürgerliche Recht und das gesellschaftliche Leben untergeordnet,und die wahre, wenn auch abstracte, Harmonie der Menschheit dargestellt wurde.Der erste, der dies versuchte, war Thomas Morus mit seiner „Utopia"; nach ihrhaben alle ähnlichen spätern Versuche der Engländer (Harrington, Bacon), der Ita-liener (Campanella), der Franzosen (Fenclon u. A.) den Namen der Utopien erhalten.Alle diese Utopien haben praktisch die wichtige Bedeutung, daß sie die Gemeinschaftdes gesellschaftlichen Lebens, begründet durch eine Vertheilung der Güter, als diehöchste, wenn auch rein ideale Form der menschlichen Gesellschaft hinstellten. Dochstanden sie lange fast unbeachtet und ohne Einfluß neben den Schriften, welche vorAllem die republikanische Gleichheit foderten.

Da kamen nun die gewaltigen Ereignisse, welche das Ende des vorigen Jahr-hunderts bezeichnen. Der Sturz der alten Ordnung der Dinge war keineswegseine bloße Änderung der Negierungsform. Seine Hauptbedeutung lag darin, daßer die ärmere Classe, und in ihr vor allem den oben charakterisiern Arbeiterstandzu einer früher nie geahnten Bedeutung erhob. Die Republik ward zum erstenmale in Frankreich proclamirt; ihre Form wechselte, aber ihr Princip blieb: daßnämlich der Nichtbesitzende staatlich ein gleiches Recht mit dem Besitzenden habensolle. Zwar stürzte die Unreife dieses Gedankens die ganze Verfassung; das Kaiser-thum folgte ihr; allein auch dieses fiel. An die Stelle der alten Rechte und Pri-vilegien traten die verfassungsmäßigen Fürstenthümer. In dieser verfassungsmäßige»Monarchie aber lag ein tiefer, keineswcges überwundener Widerspruch. Sst erken-nen die Gleichheit der staatsbürgerlichen Rechte an, aber sie erkennen sie nur fürdie Besitzenden. Wer den Wahlcensus hat, der ist ein Staatsbürger, wer ihnnicht hat, ist nur Unterthan. Die Scheidung im Staate war nicht mehr bedingtdurch Geburt; aber eine nicht minder scharfe Scheidung trat ein durch den Besitz.Die Vertheilung des Besitzes beherrschte Staat und Gesellschaft; die Grundsätzeund Gesetze, nach welchen das Vermögen erworben und verloren wird, wurden zuden Grundsätzen, nach denen sich die Verwirklichung der höchsten Ideen, der Ideeder Freiheit und der Gleichheit richtete. Das Schneidende dieses Widerspruchsaber ward noch gehoben durch die auf der Gestalt der Industrie beruhenden Un-möglichkeit für den Arbeiterstand, zu einem solchen Vermögen zu gelangen; werArbester war, war eben dadurch von der Theilnahme an den höchsten Gütern aus-geschlossen. Und daneben ergab sich der unparteiischen Nachforschung, daß das wirk-liche Loos dieser Arbeiter gerade da am elendesten sei, wo die höchste Entwickelungder Industrie für einen Theil des Volke- die höchste Masse irdischer Güter zum aus-schließlichen Genusse zusammengehäuft hatte. Unter dem Eindrucke dieser mächtigen