464 Die deutsche Kriegsflotte.
Was haben wir bereits seit dem Kriege mit Dänemark für die Schöpfung einer deutschen
Seemacht gethan?
Wir werden also eine Kriegsflotte gründen — aber, muß man fragen, was füreine? Werden wir eine bloße Scheerenflotille, aus Kanonenböten und zur Vertheidi-gung unserer Küsten bestehend, oder eine respectable kleine Flotte von Fregatten undCorvetten zur Beschützung unsers Handels, wie die kleinen Seemächte sie haben,oder eine großartige, mächtige Flotte von Linienschiffen mit dem ganzen vollständigenApparat einer imposanten Marine ersten Rangs zur Erringung einer mächtigenWeltstellung begründen? Auch über diese Frage hat man sich schon vielfach den Kopfzerbrochen und sie sehr verschieden beantwortet.*) Allein so richtig es sonst wäre,sich auf wohlüberdachte Diskussionen über diese wichtige Frage einzulassen, so ist eSdoch jetzt, da wir uns in einer Periode der Bedrängniß befinden, nicht an der Zeit,mit Muße die Sache zu verhandeln. In Zeiten der Noth fragt man nicht, ob einStück Eisen auch wirklich zu einem zweckmäßigen Schwerte gestaltet sei. Man ergreiftes eben zu seiner Vertheidigung, mag es Säbel, Messer oder Sense sein. So müssenauch wir in dieser Zeit der Noth die Seewaffen rüsten und nehmen, wo und wiewir können und mögen, müssen Handelsschiffe zu Kriegsschiffen verwandeln, müssenrasch Kriegsschiffe zusammenhämmern, mögen Kanonenböte, oder wenn es angeht,Fregatten daraus werden. Es läßt sich gar noch nicht beurtheilen, wie lange derKrieg in unsern Meeren dauern, welchen Ausgang die Verwickelung, trotz wiederkeh-render Waffenstillstands- und Friedensaussichten, nehmen wird. Ebenso wenig kön-nen wir darum jetzt entscheiden, was aus unserer Flotte werden wird. Wir müssenuns vorläufig unserer Haut wehren und dazu jedes Mittel willkommen heißen. Istdieser Nothstand vorbei, so können wir dafür sorgen, daß er in der Weise nie wiederkehre.Alsdann wird sich allmälig, vielleicht erst im Laufe einiger Jahrzehnde, zeigen, wiewir unsere Nationalmacht auf den Meeren entwickeln mögen, wo und wie wir anden oceanischen und transatlantischen Bestrebungen der Völker uns betheiligen können.Die natürliche Richtung unserer Ströme und die geographische Position, die unserVaterland zwischen vier Meeren einnimmt, scheint uns den Beruf aufzulegen, insehr bedeutender Weise an den Seebestrebungen der Völker Antheil zu nehmen. **)
Was haben wir aber nun, muß man natürlich weiter fragen, seit dem Auf-schwünge im März 1848 und der Entwickelung des Krieges mit Dänemark bis jetztgethan, um diese deutsche Kriegsflotte ins Leben treten zu lassen? Im Ganzen habenwir freilich noch nicht weit über die begeisterten Aufrufe, die Journalartikel, Ver-handlungen hinauskommen können: dies liegt schon in den Umständen. Allein aucheinige Anfänge für Thatsachen, zu welchen uns die Noth gleichsam stieß, haben wirauszuweisen. Werfen wir, um diese Anfänge ins Licht zu stellen, einen Blick aufdie Ereignisse. Gleich nach dem Aufstande Schleswig-Holsteins regten sich unsereFeinde in ihren Arsenalen zu Kopenhagen, und bald nach dem Einrücken der preu-ßischen Truppen in Schleswig, schon im Ansang des April, vergriffen sich die Dänen
*) Der Prinz Adalbert von Preußen hat in seiner bereits angeführten Schrift diesen Punkthöchst gründlich und umständlich behandelt.
**) Der jetzt bekannte Bericht des in Hamburg abgehaltenen Marinecongreffes fodert alsdas Minimum einer deutschen Flotte: 8 Segelfregatten mit 60 Kanonen; 4 Segelfregattenmit 40 Kanonen; 6 Dampfschraubenfregatten von 500 Pferdekraft und 1500 Tonnen; außer-dem 6 Dampfschaufelrädercorvetten von 3—400 Pferdekraft, von 900— 1200 Tonnen, mitBombenkanonen armirt. Bei diesem Plane ist der Grundsatz festgehalten, daß Deutschlandanfangs nur als Seemacht zweiten Ranges auftreten möge. Die Bestimmung des Geschwadersim Frieden würde sein: 1) Stationirung von Kriegsfahrzeugen in die Gewässer, in denendeutscher Handel und deutsche Bürger.Schutz bedürfen; 2) Unterstützung diplomatischer Ver-handlungen durch bewaffnete Macht, Überführung von Gesandten ü. s. w.; 3) Übung derOffiziere und Mannschaften. Die Besatzung dieses Geschwaders ist auf 9140 Mann, dieHerstellungskosten sind auf 10,250000 Thlr., die jährlichen Unterhaltungskosten aber auf3,620000 Thlr. berechnet. Die in den ersten zwei Jahren zu erbauenden Schiffe würden ei-nen Kostenaufwand von 4,075000 Lhlrn. erfodern. D. Red.