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Die deutschen Ostseeprovinzeu Nußlands. ä77
Bereitwilligkeit zu jedem Geschäft erstickte das durch Herzog Jakob's Bemühungeneben in der Consolidirung begriffene Bürgcrthum Mitaus, welches mit ihnen nichtgleichen Schritt halten konnte, weil cs von jeher gewohnt war, seine ganzen Lebens-bewegungen eben nur vorn bequemen Gewinn aus dem Refidenzluxns abhängig zumachen. Mit wenigen Veränderungen nimmt cs noch heute dieselbe Stellung ein.Als Bürgerstadt im politischen Sinn ist Mitau ganz bedeutungslos.
Der volle Gegensatz zu diesen trüben Bildern ist Riga. Unterm Krummstabist gut wohnen — dieses Sprlichwort hat sich auch hier bewährt. Die Rigenserhakten überdies den Vortheil, zwar unterm Krummstab zu wohnen, d. h. aller Vor-theile eines kirchlichen Centralsitzes zu genießen, ohne doch in ihren innern bürgerlstchen Verhältnissen die hanseatische Unabhängigkeit der Mutterstadt Bremen jemalsvollkommen entbehren zu müssen. Für Riga war der Herrschaftshader zwischen dengeistlichen und ritterlichen Gewalten im Lande von größtem Vortheil. Wem dieStadt irgend einen Vorschub angedeihen ließ, sei es durch mannhafte Beihülse ihrerBürger in offener Feldschlacht, sei es in andern friedlicher» Fragen und auf friedli-chere Weise, der mußte natürlich auch wieder mannichfache Vortheile gewähren.Wollte sie dagegen von einer der beiden Gewalten irgend etwas erlangen, so hattesie nichts zu thun als die andere um Unterstützung ihrer höflichen oder „Sturmpe-tition" zu ersuchen. Sie war stets gewiß, bei der unklugen Eifersucht die gewünschteHülfe zu finden. Solchermaßen geschah es, daß während die Erzbischöfe und Heer-meister um den Oberbefehl über Riga stritten, dieses eigentlich jedem von beiden ge-rade nur so viel Einfluß auf seine Entwickelung gestattete, als ihm für eine etwaigeBenutzung einer jener Mächte ersprießlich schien. Dabei wuchs es zu solcher Wich-tigkeit auf, daß selbst später die Schweden und Polen gewisse Rücksichten für seinenBestand nahmen, besonders auch seine Verfassung nicht feindlich antasteten. Dieinnere Lebensgeschichte Rigas ist überhaupt leichtlich eine der interessantesten unterdenen der Hansestädte. Jedenfalls hat ihr ganzer Gang den großen Vortheil gehabt,durch materielle Behaglichkeit der Bewohnerschaft eine Bürgerthümlichkeit zu festigen,welche in ihrem ehrenwerthen Selbstbewußtsein sogar der russischen Eroberung nocheine „Kapitulation" (1710) entgegenzusetzen wagte, wodurch das Deutschthum Lief-lands überhaupt und Rigas insbesondere wenigstens vor dem plötzlichen Unrerganggewahrt wurde. In diesem Verhältniß steht es noch heute, obgleich der russischeDespotismus ebenso wie allerlei moskowitische Ränke die Errungenschaften dieser Be-dingungen umzustoßen versuchten.
Freilich ist gleich freudige Botschaft nicht von den übrigen livischen Städtenzu bringen. Sie sind meist zu klein, um aus sich selbst heraus eine selbständigeFortentwickelung vermitteln zu können. Indessen haben sie vor den esthnischen undbesonders den kurischen Städten den Vortheil voraus, daß wenigstens das Russen-thum und die Juden*) nicht unaufgehalten in ihrem innern Leben einnisten können.Dadurch erhält sich immer ein bestimmter und wenigstens gewissermaßen selbständigerbürgerlicher Kern — wenn es gleich in der Gegenwart an manchem dieser Orte frei-lich auch nur noch ein Nest ist. Dies dürfen wir in Deutschland bei Betrachtungder baltischen Verhältnisse überhaupt nie außer Acht lassen; wir dürfen an einerErhaltung des deutschen Elements in den Städten nicht verzagen, aber wir dürfenebenso wenig ausschweifende Hoffnungen auf eine propagandistische Thätigkeit dersel-ben für die nationale Sache unter den jetzigen Verhältnissen setzen. Vor allem er-scheint eine Stadt in dieser- Hinsicht zweifelhaft, welche im Munde des Publicumshäufig gerade als eines' der festesten Bollwerke deutschen Sinns, Wesens und Gei-steslebens gäng und gäbe ist. Das ist Dorpat. Dorpat hat seinem ganzen Ge-schichtsgange zufolge niemals zu einer aus seinen innern Verhältnissen hervorgehenden,
) Den Juden ist bis auf gewisse geringe Ausnahmen der Aufenthalt in Esth- und Lieflandnicht erlaubt. In Kurland sind sie für die kleinen Städte und das Flachland eine wahre Pest,Wie m Polen und Lithauen, von woher sie einwanderten.