482 Die deutschen Ostfeeprovinzen Rußlands.
(dem Gebäude des Edelhofs, worin die im „Hofesdicnst" arbeitenden Frohner ihrnächtliches Unterkommen finden) wird eine halbweg große Stube dem Lehrzwcck ein-geweiht. Darin lernen aber nicht nur, sondern leben und schlafen auch die Kinder,welche am Ansang der Woche von den „Gesinden" (Bauernhöfen), mit Proviantversehen, hier zusammenkommen und am Sonnabend entlassen werden, um Montagsmit neuem Proviant zurückzukehren. Von Lagerstätten, Neinlichkeitsanstalten, einerBeaufsichtigung außerhalb der Lehrstunden u. s. w. ist meist keine Rede. Und istder edle Herr des Hofs ein eifriger Jäger, darf auch Niemand an regelmäßige Ab-haltung einer Schule denken. Denn es gehört zum „Gehorch" der Eebietsleute,Laß ihre Kinder auf den Jagden den Dienst als „Juchzer" (Treiber) versehen. Sowächst denn solch ein Kind halbwild heran. Das Zeugniß des sogenannten Schul-meisters genügt sehr vielen Pfarrherrn hinsichtlich der Schreib-, Lese-, und Rechnen-fertigkeit des Konfirmanden. Kann dieser die Zehn Gebote nebst den Hauptstückensinnlos herplappern, so ist seine religiöse Vorbereitung vollendet, und er tritt mit demersten Abendmahl in alle Dienste und Pflichten der Erwachsenen ein, deren Rechte(Schnapstrinken, Liebschaften u. s. w.) er sich natürlich ebenfalls baldigst aneignet.Unter diesen Verhältnissen ist es freilich natürlich, daß auch die körperliche Verwahrlo-sung mit der geistigen und sittlichen Hand in Hand geht. Sicherlich liegt es nichtblos in der Race, nicht blos in der schweren Leibesarbeit, nicht blos in den FolgenKOOjähriger Leibeigenschaft, daß die baltischen Urvölker und besonders die Letten imAllgemeinen als ein gar so schwächlich ausgestatteter Menschenstamm erscheinen. We-nigstens ist so viel sicher, daß diejenigen Gemeinden, deren „Herren" in längerer Auf-einanderfolge nicht nur den eigenen Vortheil, sondern auch den ihrer Unterthanenberücksichtigten, im Durchschnitt von kräftigerm Körperbau und mit ausgeprägter»:geistigem Charakter begabt erscheinen.
Sind diese Zustände leider als crasse Beweise der Mißachtung des Menschen imBauern von Seiten der deutschen Herren, sowie einer nicht hart genug zu bezeich-nenden Pflichtverletzung von Seiten der Geistlichkeit, zu betrachten, so erweist sichdoch in andern Dingen auch noch ein Leichtsinn und eine Gedankenlosigkeit derDeutschen, deren nothwendige Folge ebenfalls jene heutige Gestaltung der Dingewurde, wodurch der letzte Halt des Deutschthums und der Selbständigkeit in denbaltischen Landen zusammenzubrechen droht. Der Reichthum des baltischen Adelsberuht nicht im Baarbesitz, sondern im Ertrage des Grundes und Bodens. Sonachhätte naturgemäß die erste Aufgabe der Grundbesitzer von Alters her sein sollen,diesen Ertrag so ergiebig als möglich herzustellen. Die Feldwirthschaft und das Acker-geräth der zu Leibeigenen gemachten, in aller Hinsicht so ursprünglichen Letten undEschen, deren jeder überdies nur für sein eigenstes Bedürfniß gepflügt, gesäet undgeerntet hatte, befand sich auch natürlich zur Zeit der Unterjochung im rohesten Zu-stande. Schilderungen und Abbildungen aus dem 13. und 14. Jahrhundert lassenuns wenigstens erkennen, daß damals die Feldwirthschast in Deutschland bereits aufeiner weit höhern Stufe als im baltischen Lande stand. Den deutschen Eroberernkonnte dies nicht unbekannt sein. Nichtsdestoweniger blieben die im 12. Jahrhun-dert in dieser Beziehung vorgefundenen Verhältnisse hier bis zu Ende des vorigenJahrhunderts beinahe vollkommen unverändert. Die Herren kümmerten sich nichtdarum, wie ihnen beschafft wurde, was sie verlangten; wenn es nur vorhandenwar. Der Bauer allein hatte ja die Lasten des Unterhalts seines Herrn zu tragen,und dieser lebte sorglos von dem ihm zufließenden Gute! Es war und zum großenTheil ist noch heute im Adel gar kein Trieb, mit eigener Mühe und eigenem Nach-denken seine Einkunftsquellen auf eine Weise zu vermehren, daß auch dem Untertha-nen davon ein Theil abfalle.*) Aber der Adel wurde dadurch eben ärmer, indem
*) Der Mangel an Erwerbssinn im Adel ist wahrhaft erschreckend. Nur aus dem alther-gebrachten Ackerbau schöpft er seine Einkünfte. Dagegen liegt der Reichthum an MineralienFast unbenutzt; selbst die früher bestandenen Hütienwerke sind bis auf einig« Kronshütten n»e-