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Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands.
als Nation an die Spitze der Lande gestellt, und hatte sonach von jeher die Aufgabe,seiner Intelligenz den Nachdruck der Massen, seinem Verwaltungssystem die Neigungdes Volks zu gewinnen. Das hat er verabsäumt, und so leiden seine heutigen Nach-kommen an der Sünde der Vater.
Sie sind Epigonen, Epigonen in dem Sinn, wie die social-politische Literaturdas Wort vor ungefähr zehn, zwölf Jahren einführte. Was ihre Vater Übles gethanund Falsches geschaffen, das lastet jetzt aus den Kindern. Diese fühlen die Mangel-haftigkcit der Zustände und gewahren den Abgrund, welcher sich vor ihnen öffnet,haben aber nicht die Schöpfungskraft zur Radicalresorm ihrer Verhältnisse, nicht dieEntsagungskrast zum Wegwerfen der vorhandenen persönlichen,, Vortheile um denPreis einer neuen Zukunft. Darum klammern sie sich an das Überkommene — denWiderspruch der Gegenwart, oder jagen neuen Zielen aus Wegen nach, welchesie ihrem innersten Wesen entfremden. Sie werfen sich in die Arme und den schein-baren Schutz einer auch äußerlich fremden Welt — hier des Russenthums. Dasoligarchische Adelsregiment will sich durch Anschluß an den monarchischen Absolutis-mus kräftigen und wird folgerecht von ihm verschlungen. Es ist ein furchtbarer Zu-stand, in den sich der baltische Adel gestürzt „hat, und worin er nun verharrt. Nurwenige Striche genügen bereits, davon eine Übersicht zu gewinnen. Eingezogen alsEroberer in ein Land, wo keine Opposition der Selbstherrschaft seiner einzelnen Mit-glieder entgegentrat, wo die Annahme der Reformation (hier ein rein politischer Act)ihn selbst von den Rücksichten befreite, welche er bisher noch aus nichtadelige Staats-elemcnte genommen hatte, übergaben ihm die Väter die Gewohnheit nur zu befehlenund zu genießen, nie zu gehorchen und zu schaffen. Ein fruchtbarer -Boden, fisch-reiche Seen und Flüsse, wildreiche Wälder, ein scheinbar unerschöpflicher Holzreich-thum förderte die materiellen Richtung. Die Schonung, womit die verschiedenen spä-tern Eroberer gegen die grundbesttzliche Aristokratie verfuhren, gab dieser ein Selbst-bewußtsein, welches naturnothwendig in Überschätzung der eigenen Bedeutung undMacht ausarten mußte. Die Beziehungslosigkeit des Landes gegen den vorschrciten-den Westen, die mit der südlichen Landesgrenze zusammenfallende konfessionelle Ab-scheidung (des Protestantismus gegen den Katholicismus in Lithauen und Polen),das überkommene Gefühl höherer Bildung als die der östlichen (russischen) Nachbarn— dies Alles ließ die hergebrachten Zustände in hergebrachter Form verharren, undverzweigte den schon in den Nitterbanken vereinten Adel noch durch die fast aus-schließlich innerhalb seiner Sippschaftskreise geschlossenen Familienverbindungen so enge,daß er auch nur seine eigensten Interessen, niemals die Lebensfragen der übrigenWelt in Fleisch und Blut aufnahm.
Da kam die russische Eroberung, da kamen die unaufhaltsam einwirkenden Ver-hältnisse der neuen Zeit. Die alten Stützen wollten brechen, für die neuen warennoch nicht die Keime in die Erde gesteckt, aus denen sie erwachsen sollten. Fremddem Volke, wurde der Adel jetzt mit dessen slawischer Entnationalisirung bedroht,indem es von Rußland die Freiheit erhielt. Er suchte es mit der übriggebliebenenGewalt noch unbedingter sich und seinen Interessen anzuketten; aber er konnte esnicht innerlich fesseln, weil ihm einerseits das Verständniß und der gute Wille fürdie Bedürfnisse der Nationalen, andererseits die materiellen Kräfte fehlten, sich freiund selbständig der entfremdenden Macht gegenüberzustellen. Er schlug zum Theildenselben Weg ein, welchen einst die französische Seigneurie genommen, als Franz t.ihre Macht gebrochen: er schloß sich an die Gewalt an. Er erlitt dafür auch dasSchicksal jener Seigneurie; seine Geschlossenheit wurde gesprengt. Die Ärmern settner Kaste wurden zu Werkzeugen der neuen Obermacht, und die Familienbeziehungender bisher Selbständigen, auf weitem Bodenbesitz Fußenden zu jenen Ärmern hinderteneine entschiedene Trennung in eine deutsche und russische Partei. Im deutschen La-ger spalteten sich die Kräfte durch Halbheiten; im russischen Lager wuchsen sie, vonder russische Regierung geschmeichelt und unterstützt, zusammen. Die Freiheit derUrvolker aber, eben weil sie nur Halbsreiheit, Freiheit der Heimatlosigkeit geworden