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Fürst Michail Woronzoff.
bahn, aus der er nun über zwei Jahrzehnde zum Wohle seines Vaterlands, wie sichkein zweiter Russe rühmen kann, Alles that, was in seinen Kräften stand. FürstWoronzoff befindet sich zwar bereits in seinem 66. Jahre, hat aber in physischerund geistiger Hinsicht sich noch vollkommen die Frische erhalten, wie sie ihn auch na-mentlich in seinem neuen Wirkungskreise Noth thut. Er ist mittlerer Statur undbesitzt durchaus nicht das Jmponirende und Majestätische, wie es ihm in einem Auf-satz der Ergänzungsblätter zur „Allgemeinen Zeitung" zugeschrieben wird. Mit demKaiser Nikolaus hat er auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit, sondern stellt eher dasBild eines einfachen und schlichten Mannes dar. Seine Persönlichkeit.gewinnt erstnach längerer Unterredung und Bekanntschaft. Schreiber dieses hatte längere ZeitGelegenheit, den liebenswürdigen Mann namentlich in jenem verhängnisvollen Win-ter 1857—38, als die Pest in Odessa wüthete, kennen zu lernen und erinnert sichnoch lebhaft der großen Einfachheit, mit der der Fürst damals einherging. In einemalten grauen Mantel, der wenigstens aus dem letzten türkischen Kriege, wenn nichtaus noch früherer Zeit stammte, gehüllt, und sein mit schneeweißen Haaren besetztesHaupt von einer zierlosen Soldatenmütze bedeckt, ging er damals, weder Furcht nochScheu kennend, durch die Straßen der Stadt nach dem entlegenem Pestquartiere,allenthalben selbst Anordnungen treffend und, wo es Noth that, Hülfe spendend.Selbst aus seinem Gesichte spricht sich keineswegs der Geist aus, der ihn beherrscht;denn eine kleine Stirn und überhaupt nichts Markirtes wird man auf ihm gewahr.Erst nach längerer Betrachtung findet man in seinen Zügen die Gutmüthigkeit unddas Wohlwollen, was den Fürsten vor allem auszeichnet.
Fürst Woronzoff ist nicht allein ein guter Familienvater innerhalb seiner Häus-lichkeit, er ist auch in der That ein Vater seiner Untergebenen. Alle seine Hand-lungen haben etwas Ritterliches und durchaus Nobles, sodaß man auch in dieserHinsicht, sowie in der Einfachheit seiner Persönlichkeit, an das Land seiner Erziehung,an England, erinnert wird. Der Fürst steht vielleicht einzig in seiner Art in Ruß-land da. Äbgesehen davon, daß er dem Vertrauen seines Herrn auf die gewissen-hafteste Weise nachkommt, verwendet er noch einen großen Theil seines nicht unbe-deutenden Vermögens auf die Verbesserung der ihm anvertrauten Länder und desZustandes des ihm untergebenen Volks. Namentlich nimmt er sich des gemeinenVolks in hohem Grade an und schützt vor allem die Rußland unterworfenen Stämmefremder Abkunft gegen die Anmaßung und Habsucht der russischen Beamtenwelt.Vielleicht könnte ihm sogar zum Vorwurf gemacht werden, daß er oft seine eigenenLandsleute den tatarischen Stämmen nachsetzt. In einem zweifelhaften Streite miteinem Tataren, so erzählt man, bekommt bei dem Fürsten der Russe Unrecht. Istdieses auch unbedingt übertrieben, so sieht man aber doch die Vorliebe für die tata-rische Bevölkerung. Noch größer ist aber des Fürsten Zuneigung zu den Völkerndes kaukasischen Isthmus, da er sich namentlich für das ritterliche Benehmen derTscherkessen interessirt. So sehr aber auch der Fürst für seine Persönlichkeit Ein-fachheit liebt, so stimmt er aber auch wiederum darin mit dem Engländer überein,daß er umgekehrt in gewissen Fällen der Entfaltung eines großen Prunks Raumgibt und sich in eine Pracht hüllt, die seinem sonstigen Wesen geradezu widerspricht.Es ist dies in der neuesten Zeit, wo der Fürst sein Hoflager in Tiflis aufgeschla-gen hat, noch mehr der Fall, als früher in Odessa. Die zeitweilige Entfaltung vonPracht macht sich jedoch in Asien, wo man seit Jahrtausenden nur die Macht unddie Regierung von ihr umgeben gesehen hat, und wo man dem Volke durch derglei-chen äußerliche Manifestationen imponiren muß, mehr geltend als in Europa. DiestSchaustellung mag wol auch die Ursache sein, warum man hier und da, selbst auchin Rußland und namentlich in höhern Ständen, behauptet, daß der Fürst mehr oderWeniger den Äußerlichkeiten huldige und sich sogar deshalb manche Charlatanerienzu Schulden kommen lasse.
In Odessa eröffnete sich dem Fürsten ein weites Feld. Die Stadt selbst wareinem Pilze gleich aus der Erde geschossen. Ihre Gründung erinnert lebhaft an die