Band 
Vierter Band.
Seite
227
JPEG-Download
 

Joseph von Radowitz. 227

wie es eine neuere speculative Schule nannte, als die Autonomie des Menschen. WelcheRichtungen aber von diesem Vordersatze aus einzuschlagen seien, darüber beständeder Zwist. Die Einen faßten das allgemeine Wohl vorwaltend als ein materiellesauf; sie verlangten daher eine Ordnung der Dinge, in welcher die Erreichung jenerZwecke vor allem gesichert sei, daher entweder eine unbeschränkte fürstliche, oder eineebenso unbeschrankte Repräsentativregierung. Die Andern hingegen wollten vorallem die. volle Konsequenz der ideellen Foderung: daher die unbedingte Selbstbe-stimmung des Einzelnen, realisirt in der abstractcn Demokratie. Jenen zwei soebencharakterisirten politischen Systemen und ihren Vertretern correspondirten aber aufdem religiösen Gebiete der Rationalismus auf der einen Seite, der Pantheismus-eck der andern.

Es sei nun, heißt es weiter, der neuesten Zeit vorbehalten geblichen, ein pvli-thch-religiöses Gebäude aufzustellen, oder vielmehr zu restauriren, das gleichmäßigallen Schattirungcn der erwähnten Theorie entgegenträte. Auf den Satz fußend,daß in der Sphäre der Religion die Wahrheit nicht innerhalb des menschlichen Gei-stes erkannt werde, sondern von außen herangebracht und als höheres Gebot ver-kündigt werden müsse, machte man die Idee geltend, daß auch auf dem politischenGebiete die Wahrheit, nämlich das Recht, auf göttlicher Einsetzung beruhe und zudessen Schutz und Schirm der Staat auf Erden gegründet sei. Diese Lehre verbotden Königen über die Rechtssphäre der Unterthanen ohne deren Zustimmung zuverfügen; aber sie Untersagte den Letztem „an die Rechte der Krone zu rühren".Das Patent vom 3. Febr. 1847, welches in Preußen den Vereinigten Landtag berief,muß als der erste Versuch betrachtet werden, eine Restauration des modernen Staatsin diesem Sinne zu unternehmen. Man weiß, daß derselbe nicht gelungen ist.

Die Absicht der „Gespräche aus der Gegenwart über Staat und Kirche" gehtnun unverkennbar darauf hinaus, die verschiedenen Richtungen auf beiden Gebieteneinander perssnificirt gegenüberzustellen, und hierin ein Bild des großen Kampfesder damaligen Gegenwart an dem Leser vorüberzuführen. In fünf Personen ver-körpert, treten die religiösen und politischen Parteien in Conflict. Arneburg, einadeliger Offizier, streng orthodoxer Lutheraner, mit stark hervortretenden Pietistischenund legitimistischen Sympathien, gehört mit seinen Gefühlen dem Himmel, mit seinenGedanken dem Mittelalter an. Detlev, dessen Bruder, ein junger fcuriger„Demo-krat und consequenter Pantheist, sagt die neuere, verwirrte, aber oft an Überzeu-gung reiche Schule der Socialisten voraus. Crusius, der reiche Fabrikherr, inKirche und Staat dem liberalen Fortschritt huldigend. Oeder, der Mann der vor-märzlichen Bureaukratie und der materiellen Staatspraxis, ein religiöser Jndiffcrentist.Waldheim-endlich, ein kirchlichgesinnter Katholik, der im Staatslebsn die historischeRechtsansicht vertheidigt, welche oben ebenfalls charakkerisirt wurde.

Diese fünf Repräsentanten ebenso vieler Hauptrichtungen in Religion und Po-litik sind in lebendige Wechselgespräche versetzt. Jeder verficht seine Sache mit denbesten Gründen, die dafür vorhanden sind. Waldheim jedoch läßt Pietismus, So-cialismus, Liberalismus und Büreaukratie gewähren, berichtigt und besiegt sie. Eingelehrter, tiefblickender 'Mann, bewahrt er die letzte Instanz. Waldheim ist dereigentliche Held des Buchs, neben welchem die Andern nicht ohne einen leisen An-fing von Ironie, geistreicher Malice, wir möchten nicht sagen Caricatur, erscheinen.Durch Waldheim's Medium spricht der Verfasser zu uns. Waldheim sagt, was derVerfasser denkt, glaubt und durchführen will. Die Form des Buchs ist übrigenseine höchst gelungene, und erinnert oft an die classische Weise Goethe'-s. Auch inFrankfurt ist von Gegnern und Freunden diese ästhetische Vollendung in den Redendes Generals von Nadowitz anerkannt worden.

Manches von den Gesprächen, von den Äußerungen Waldheim's wird Rado-Witz später auf der Rednerbühne des Parlaments nicht verleugnen. So in der deut-schen Frage. Oeder nannte den Gedanken, die Bundesversammlung als erste Kam-

15*