252
Joseph von Radowitz.
es dann seine natürliche Stelle da finden, wohin es durch eine schwankende Majoritätdieses Hauses allein nicht gewiesen werden kann. Vor allem aber, meine Herren,sehe ich hierin mindestens die Möglichkeit, einen Unheilbaren Bruch zu vermeiden,einen Bruch, den ich für ein unermeßliches Unglück für unser Volk und Land-halte,für ein weit größeres, als es wol Manchem erscheinen mag. Man hat in diesemHause zuweilen das Wort Napoleon's citirt: In einer gewissen Zeit werde Deutsch-land entweder republikanisch oder kosackisch sein. (Von der Linken: Europa!) Nungut, Europa, ich brauche den Theil für das Ganze. Meine Herren! Es gäbe abernoch einen dritten Ausgang: Deutschland könnte kosackisch und republikanisch werden!(Bewegung.) Ich werde für jeden Antrag stimmen, der zum Abschluß unsers Ver-faffungswerkes führen kann, ich fühle mich in meinem Gewissen dazu gedrungen;Sie aber bitte ich, vereinigen Sie sich in dem friedlichen Wege, den das Anicnde-ment andeutet, das ich vertrete. Ich könnte es weder schicklich noch angenehm finden,alle Eventualitäten hier zu verhandeln. Schwungvolle Worte und tapfere Gedankenachte ich an ihrer Stelle sehr hoch, aber sie genügen nicht, wenn der Ernst derWirklichkeit herantritt. Viele unter Ihnen haben es nicht erlebt, und Manche mö-gen es verlernt haben seit 34 Jahren, was es heißt, Deutschland zum Schauplatzeeines allgemeinen Krieges zu machen, und jenes waren doch nur Kriege gegen fremdeWaffen!" (Allgemeine anhaltende Bewegung; Beifall von verschiedenen Seiten.)
Das war Radowitz' Rede am 17. März 1849. Am 21. sprach Riesser, undman gelangte zur Abstimmung über den Antrag Welcker's, oder vielmehr des Ver-fassungsausschusses, der den Welckcr'schen im Wesentlichen reproduciere. Der Antragward mit 283 Stimmen gegen 252 verworfen. Vor der Abstimmung,, hatte Ra-dowitz erklärt, er und die Mehrzahl seiner Parteigenossen wären zu der Überzeugunggekommen, daß die Pflicht gebiete, den Anträgen des Verfassungsausschusses ihreStimme nicht vorzuenthalten. Wol hätten sie sich die Gefahren und Bedenken, diesich an die Anträge knüpften, nicht verhehlt, aber sie hätten ihre Sorgen und Be-denken Hähern Sorgen und Bedenken opfern müssen. Sie stimmten darauf — ver-geblich ! — mit Ja. Nach der Abstimmung ward unter andern Erklärungen folgendevon Radowitz und 15 Andern verlesen: „Die Unterzeichneten haben den Anträgendes Verfassungsausschusses ihre Stimme nicht vorenthalten dürfen, weil sie diese fürdie einzigen erkannten, welche eine Majorität in der Nationalversammlung möglicher-weise erlangen können, und von der Überzeugung ausgingen, daß die verderblichstenFolgen für das gesammte Vaterland sich daran knüpfen würden, wenn die National-versammlung in diesem entscheidenden Momente zu gar keinem Beschlusse gelangte.Sie erklären jedoch, daß sie der Nationalversammlung nicht die Befugnisse bei-zumessen vermögen, weder die Reichsvcrsassung endgültig abzuschließen, noch die KroneDeutschlands allein zu vergeben, sondern daß es zu Bestem der freien Zustimmungder deutschen Regierungen bedürfe."
Jetzt wendeten sich die Dinge. Die conscrvative Einheitspartei, um mit eigenenKräften die Verfassung wenigstens zu einem äußern Abschlüsse zu bringen, fand sichgedrungen, ihren Gegnern, den Particularisten, die Verbündeten zu entziehen, welchejene in dem demokratischen Theile der Versammlung besaßen. Das Wahlgesetz unddas Veto wurden ihnen zugleich geopfert, sodaß dem allgemeinen Stimmrecht gegen-über die monarchischen Principien keine feste Gewähr, erhielten. Die Führer derEinheitspartei mußten sich verbindlich machen, keine Änderung an der Verfassungzuzugestehen. All das Traurige ist bekannt genug, und es gewährt keine Freude,dabei zu verweilen.
Noch eine Abstimmung und Erklärung des Abgeordneten für Rüchen habenwir zu berühren: seine Laufbahn als Mitglied des ersten deutschen Parlaments istdann geschlossen. Es war am verhängnißvollen 28. März; die Nationalversammlungschritt zur Wahl des Kaisers. Radowitz stimmte für Friedrich Wilhelm, König vonPreußen, auf den 290 abgegebene Stimmen sich vereinigten; dagegen enthielten sichder Wahl 248. Radowitz und Genossen gaben folgende Erklärung zu Protokoll: