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Joseph von Radowitz.
Die verschiedenen Wege, zu dem bezeichneten Ziele zu gelangen, werden jetzt be-trachtet. Der erste, die Umwandelung des gesammtcn bisherigen Deutschen Bundesin einen Bundesstaat durch dictatorische endgültige Anordnung, sei der Weg derNationalversammlung in Frankfurt a. M. gewesen. Der preußische Regierungscom-missar laßt dem Parlament Gerechtigkeit widerfahren. Zn späterer Zeit werde mannicht blos betrachten, „was die Nationalversammlung gethan, sondern auch, was sievon Deutschland abgewehrt habe" — eine Bemerkung, der gegenüber ein Mitgliedder frühern Centren in Frankfurt die Herstellung des deutschen Bundesstaats unterder einheitlichen Leitung Preußens und die, gleichzeitige Begründung eines weitem,aber möglichst innigen Unionsverhältnisses zu Östreich als das Eigenthum der Eagern'-schen Partei vindicirt hat. *) Schärfer betont werden dann die Mängel der Natio-nalversammlung. Die in Frankfurt bis zum letzten Augenblick festgehaltene „Ver-einbarung" gibt Radowitz natürlich nicht auf. Die Transactionen mit ihrem prin-cipiellen Gange liefern ihm den letzten Vorwurf gegen die Handlungen der Mehrheitder Nationalversammlung. Die Noten vom 23. Jan. und 16. Febr., durch welchedie königliche Regierung Alles aufgeboten, um noch vor der zweiten Lesung zu einerVerständigung mit der Nationalversammlung zu gelangen, seien eben in den wesent-lichsten Punkten ohne Erfolg geblieben. Preußen aber konnte sich nicht einfach un-terwerfen, nicht Preußen als Preußen aufgeben, seine glorreiche Geschichte abschließen,seine Verwaltung, seinen Haushalt gefährlichen Experimenten preisgeben. Die preu-ßische Regierung würde andern Regierungen Zwang angethan haben, der bei Ostreichundenkbar, bei den minder mächtigen Staaten aber schreiendes Unrecht gewesen wäre.Die Gewaltthaten in Stuttgart und Dresden dursten nicht unter Preußens Ägidegeschehen. „Die Regierung des Königs durste sich nicht von dem Glänze verlockenlassen, der die sogenannten großen Entschlüsse begleitet. Das sind jene politischen Acte,die man je nach dem Erfolg als höhere Staatsklugheit preist oder als ehr- undpflichtvergessenen Macchiavellismus züchtigt. Was nun hat Preußen damals aufdieses Andringen erwidert? Die Erklärung, die in diesem Hause am l.^lpr. gege-ben wurde, sagt: Die Verfassung bedürfe der Zustimmung der Regierungen; Preu-ßen werde hierüber mit den andern Regierungen zu Rathe gehen. Es sei hierzuweder die Einstimmung aller Glieder des frühern Bundes erfoderlich, noch werdeeine Majorität derselben die Minorität binden dürfen; der Bundesstaat werde sichaus denjenigen Staaten bilden, die sich ihm freiwillig anschließen. An die Spitzedieses Bundesstaats zu treten, sei Preußen bereit."
Diese Erklärung, fährt Radowitz fort, wurde angegriffen von den Einen, weilsie davon ausgingen, daß die preußische Regierung lediglich zu vollziehen habe, wasdie Nationalversammlung anordne; von den Andern, weil sie verlangten, daß Preu-ßen sowol die constituirende Thätigkeit der Nationalversammlung als auch deren Zieleals nichtig und verwerflich hinstelle. Wozu dieser letztere, scheinbar leichtere Wegführen würde, wird mit kurzen aber präcisen Worten gezeigt. „Die Regierungkonnte diesen Weg nicht einschlagen, weil er ungerecht und unweise ist. Er ist un-gerecht, weil er die Zusagen und Verheißungen bräche, die der deutschen Nation wie-derholt und feierlich gegeben worden sind. Er ist unweise, weil er die Revolutionnicht schließen, sondern verewigen würde. Ein solches Verfahren von Seiten derdeutschen Regierungen würde der Partei des Umsturzes die schärfsten Waffen liefern,die mächtigsten Bundesgenossen zuführen. Was wir an einigen Punkten in letzterZeit sahen: die Verbrechen Einzelner, die sich dem Aufruhr in dem Wahne an-schlössen, der Kamps gegen die bestehenden Regierungen gelte dem einigen Deutsch-land, Das würde dann als allgemeine, als die traurigste aller Verirrungen auftreten!Die nächste historische Krise, die über unser Vaterland hereinbräche, würde einen
*) Vgl. „Die Deutsche Nationalversammlung von den Septemberereignissen bis zur Kaiser-wahl. Ein weiterer Parteibericht von R, Haym" (Berl. ISIS).
Die Gegenwart, IV, 17