458 Die Afghanen und ihr Reich.
und jüngstes Gericht sind blos bildliche Ausdrücke; es gibt keine andere Unsterblich-keit als den Wandel der Seele in andere Körper, den Wechsel der Formen; derKoran ist ein menschliches, trügerisches Erzeugniß; Gott, der allenthalben im Raumeund in der Form Seiende, bedarf keiner Anbetung, bedarf keiner Kasteiung, nurunbedingten Gehorsam will er für seinen Propheten Bajesid. Die Vorschriften desGesetzes sind blos Mittel der Erleuchtung, Stufen, um zur Einsicht emporzusteigen;Wer diese erreicht, für den sind jene unnütz; er braucht, er darf sich nicht mehrdaran halten. Wer eine Last auf dem Kopfe trägt und kennt den Eigenthümernicht, muß sie sein Lebtag tragen; sobald er diesen gefunden, wirft er sie weg undist frei. O kommt deshalb herbei, so ruft der Pir begeistert aus, kommt herbei undlernt den Herrn der Welt kennen, ihr Vollkommenen der Erde; werfet die Last voneurem Haupte, lernet die Freiheit kennen und handelt danach! Bajesid war abereinsichtvoll genug, seinen Glauben nicht ohne äußerliches Ceremonienwerk hinzustellen:es sind achterlei Weihen nothwendig, bevor der Todte oder gewöhnliche Mensch zueinem vollkommenen Leben als Jünger der neuen Religion erwacht. Waren aberdiese Stufen einmal überschritten, dann ist dem Lebenden gegen den Todten Alleserlaubt; er kann plündern, rauben und morden; nur dem Ruschenier, nur dem Er-leuchteten gebührt die Herrschaft der Erde.
Diese dem Räuberhandwerk und der sinnlichen Genußsucht des Volks schmei-chelnde Lehre erfreute sich bald eines solchen großen Zulaufs, daß Bajesid in derzweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sich nicht blos als Herrn des ganzen Afghancn-landes betrachtete, sondern auch einen Zug nach Indien unternehmen wollte, um dortdie ehemalige Afghanenherrschaft wieder aufzurichten. Die Padischah zu Delhi sandtenzahlreiche Heere jenseit des Indus, um dieser neuen von Westen her drohenden Ge-fahr kräftig zu begegnen. So lange Bajesid klug genug war, sich innerhalb derBergschluchtcn zu halten und einen Guerillaskrieg gegen die indischen Truppen zuführen, vermochten diese, wenn auch an Anzahl sehr überlegen, nichts gegen diewilde Tapferkeit seiner Jünger auszurichten. Kleine Vortheile, die er errang, mach-ten aber den beschränkten Seher sicherer und kühner. Es wagte Bajesid eine offeneFeldschlacht in der Ebene, ward geschlagen, und bald hernach senkten unzählige Drang-sale, worunter Scham und Verzweiflung nicht die geringsten sein mochten, den Pro-pheten in das Grab.
Die religiösen und politischen Bestrebungen dieses denkwürdigen Mannes haktenjedoch in einem Theile der Nation bereits so tiefe Wurzel geschlagen, daß sie durchden Tod des Urhebers kaum erschüttert wurden. Der älteste seiner fünf Söhne,Schech Omar, rief jetzt die Gläubigen des neuen Evangeliums zu einer allgemeinenVersammlung und verkündete ihnen: der Pir sei todt; er habe seinen Platz demSohne übertragen, ihm und seinen Nachfolgern die Herrschaft über die Welt ver-liehen. Nach dem Tode Omar's nannte sich Dschelaleddin, der dritte Sohn Baje-sid's, Padischah der Afghanen und ließ ein Aufgebot unter dem Volke ergehen, ihmnach Indien zu folgen, um die Bollwerke Lahors und Agras niederzureißen. Es wur-den die Gebeine Bajesid's ausgegraben und in einem kostbaren Sarge als Talismanden Räuberbanden vorgetragen. Obgleich er einige mal geschlagen wurde, so wußtesich Dschelaleddin doch gegen die Truppen des Statthalters von Kabal zu behaupten.Er sioh bald zu den Stämmen in den nordöstlichen Gebirgen, welche eines allge-meinen Namens entbehren und von dem Muselman Kafir, Ungläubige, genannt wer-den, bald auch zu den usbegischen Beherrschern Badakschans. Dschelaleddin kehrteaber immer nach kurzem Aufenthalte in der Fremde wieder zurück und war zu einerZeit (1600) selbst so mächtig, daß er Ghasna einnehmen konnte. Doch hatte er amEnde nicht Mannschaft genug, um sich zu gleicher Zeit gegen die mongolischen Ha-sarah, welche der neuen Lehre feindlich entgegentraten, und die indischen Truppen zubehaupten: er fiel im Kampfe und mit ihm die Macht der Ruschenier. Sie zogenindessen unter den Nachkommen ihres Stifters noch einige Zeit als Räuberbanden imAfghancnlande herum und unterwarfen sich den Mongolen erst während der Regie-