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Die Afghanen und ihr Reich.
zogen sie sich aber nach dem benachbarten Sindh. Die Lage und Gestalt diesesLandes erinnert schon den oberflächlichen Beobachter an Ägypten. Wie dort ist auchhier das Flachland, vermittels eines herrlichen Stroms, der ebenfalls an seiner Mün-dung ein Delta bildet, in zwei Hälften getheilt, die ihm eine Strecke weit links undrechts ihre Fruchtbarkeit verdanke»; wie dort wird auch hier die eine Seite vonSandwüsten, die andere von einem Geschiebe kahler Berge umgrenzt. Mit Rechterhält daher das Land von dem Flusse, dem es seine Gestalt und Fruchtbarkeit ver-dankt, den Namen Sindh. Der Sindh beginnt bereits im April, einige Monateeher als der Nil, zu steigen und tritt dann mit dem Anfange Septembers in seinenNinnsaal zurück.
Die Dynastien der Kalora und Talpur; die Usbeg; Murad-Schah von Bochara.
Unter einem halbbarbarischen und, was innig damit verbunden ist, abergläubi-schen Volke ist es Frömmlern und Heuchlern leicht, sich zu großem Ansehen empor-zuschwingen. Wenn glückliche Umstände eintreten, können sie sich selbst, wie auchdie Geschichte des europäischen Mittelalters so häufig zeigt, der weltlichen Herrschaftbemächtigen. Die Balutschen, gleichwie die andere mohammedanische Bevölkerungdes Landes Sindh, welche jetzt in Betreff der Anzahl nicht viel geringer ist als dieder Hindu, sind eifrige Sunniten. Derwische, Fakir und anderes frömmelndes Bett-lergesindel durchziehen in großen Scharen unter allerlei Namen das Land: sie werdenvon einem einsichtvollen Reisenden in diesen Gegenden^ die Pest der bürgerlichen Ge-sellschaft genannt. Als Bettlermönche kamen auch die Kalora, welche ihren Stamm-baum bis zu den abbasidischen Ehalifen hinaufführen wellen, die aber in Wahrheitzu den Dschat gehören, gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts oder später aus Ba-lutschistan nach Sindh: sie bildeten hier eine zahlreiche Sekte und nährten sich vondem Schweiße des einfältigen betrogenen Volks. Obgleich die Sindhier, des drücken-den geistlichen Gesindels müde, zu einer guten Stunde sich gegen sie erhoben, denGeneral todt schlugen und alle seine Mönche aus dem Lande jagten: so kamen siedoch bald mit Erlaubniß der weltlichen Macht von Delhi, welche seit ungefähr 150Jahren das Land durch Statthalter regieren ließ und sich häufig, gleichwie andereRegierungen der Vergangenheit und Gegenwart, der geistlichen Brüderschaften undOrden zur Verdampfung des Volks bediente, aus dem benachbarten Balutschistanwieder nach Sindh zurück, und selbst von dem Padischah wurden sie wegen der gra-ten Dienste und ihres segenvollcn oder entmenschlichenden Wirkens mit ansehnlichenLändereicn belohnt (1735). Später ward sogar einer der Familie, Miau Nur Mu-hammed geheißen, unter der Verpflichtung jährlich einen Tribut nach Delhi zu sen-den, zum erblichen Lehnsherrn der Landschaft Sindh erhoben. Die Kalora vereinig-te» nun, wie die Päpste, wie mehre Bischöfe und Erzbischöfe des Heiligen RömischenReichs deutscher Nation, die unbedingte weltliche und geistliche Macht in einer Per-son und hatten jetzt alle Mittel in Händen, ihre Unterthanen nach Belieben zu er-heben oder herabzuwürdigen; sie wählten Letzteres und säumten nicht, davon, alsbaldim Großen Gebrauch zu machen. Diese geistlichen Herren waren natürlich sehrfromm; zur Frömmigkeit gehört aber, wie Jedermann weiß, vorzüglich die Verfolgungaller Denkenden und Andersgläubigen. Auch lastete in der That das eiserne Scep-ter der Kalora in furchtbarer Weise aus den unterworfenen Hindu. Diese Armenkonnten am Ende den Druck nicht mehr ertragen; sie verließen scharenweise ihr Va-terland und flüchteten nach den benachbarten Ländern ihrer Glaubensgenossen, na-mentlich in das nahe Katsch.
Gholam-Schah, der älteste Sohn des Nur Muhammed, erhielt nach der Ero-berung des Landes durch die Gnade Nadir's einen Theil seines Erbes als persischesLehen zurück. Bei dem Tode seines Lehnsherrn erkannte Gholam-Schah die Ober-hoheit der Durani; er ward aber nach einigen Jahren von einem seiner jüngernBruder der Herrschaft beraubt. Dieser suchte nun die Macht seines Hauses überdie benachbarten Länder der Ungläubigen auszudehnen, und brachte dadurch unsag-