Königsberg. 483
In dieser gebotenen Beschränkung gelangten wir aus diejenige Begebenheit,welche der eigentliche Anfang des socialen Lebens in Königsberg genannt werdenkann, und die ihre Nachwirkungen bis in unsere Tage erstreckt. Dieses Ereignißist das 300jahr!ge Jubiläum der Universität Königsberg, im Sommer 1844. Wasdiese Festlichkeit als den wahrhaften Anfang eines socialen Lebens unter uns be-zeichnet, ist die große Übereinstimmung in den Ansichten, in den Interessen, in denWünschen und Federungen, welche sich dabei in Bezug auf das öffentliche Leben imAllgemeinen kundgab. Es kamen hier Greise, Männer, Jünglinge zusammen, umdas. Fest zu feiern, die sich noch nie zusammen gesehen hatten, aus benachbartenStädten, aus den entlegensten Provinzen, ja aus andern Ländern Deutschlands;denn auch andere deutsche Universitäten hatten ihre Deputirten gesandt. Es wargar nicht vorauszusehen, daß sich die Feier über die hergebrachten Förmlichkeiten,über die Angelegenheit des akademischen Lebens und der Wissenschaft in einer Ver-sammlung erheben würde, deren Mitglieder zu den verschiedensten Zeiten hier oder anentfernten Orten studirt hatten, durch Konfession und Verfassung, durch Sitte undAmt, durch Eigenthümlichkeit des Individuellen wie durch Positive Bildung getrenntwaren. Umsomehr mußte „der Aufschwung zu weiterreichenden Interessen und vorallem die durchschnittliche Übereinstimmung überraschen! Es stellte'sich heraus, daßalthergebrachte Vorurtheile aufgehört hatten, daß selbst die Jüngern, die noch jetztan der königsberger Universität ssudirten, die altstudentische Fassung eines blos aka-demischen Bürgerthums als eine engherzige Schranke aufgaben, um ein vaterländi-sches Bürgerthum an dessen Stelle zu setzen. Jener alte Gegensatz von Studentenund Philistern sollte nicht mehr gelten, wiefern der Einzelne sich wirklich als einwürdiges Glied der Nation zu erkennen gäbe. So offenbarte sich hier ein Geist un-ter alten und jungen, unter einheimischen und ausländischen, d. h. nichtpreußischenKommilitonen, der es in Gesprächen, in Debatten, in Reden, in Gesängen, in In-schriften, in Festzügen aussprach, daß die akademische Societät ihr Band weiter ge-schlungen habe als um Docenten und Studenten; daß sich von dem Standpunkt derfreien Wissenschaft und freien Kunst aus auch eine freie Entwickelung des Lebenszu bilden habe, zu dessen Verwirklichung sich alle Stände zusammenschließen, undalso eine sociale Gemeinschaft untereinander stiften sollen; daß gerade die Universi-täten mit gutem Beispiel vorangehen müßten, damit auch für Staat und Kirche eineneue Zeit herankomme, und sich/durch eine großartige Wiedergeburt beider, Insti-tutionen bildeten, welche Deutschland vorwärtsbrächten.
Unter solchen Umständen ließ sich nun schon am zweiten Tage ein allgemeinesInteresse für das Universitätsfest in unserer Stadt wahrnehmen. Enthusiasmus derAnsässigen und der Auswärtigen, der Akademiker und der Nichtakademiker schlug ineine Flamme allgemeiner Begeisterung zusammen. Obwol das große Publicum an demFeste theilnahm, leuchtete doch auch aus Allem hervor, daß es hier einer Feier gelte,bei der die Intelligenz vorwalte und die Leitung übernommen habe, und daß es also'nicht um den Rausch einiger Tage zu thun sei, sondern um die Klarheit tieferer,nachhaltiger Einwirkung, um die Treue der Ausdauer für künftige Zeiten. Wenndaher die äußern Vorgänge des Festes nichts zu wünschen übrigließen, was dieSinnigkeit und den Glanz der Anordnung betraf, und der Jubel des Chorus nichtausblieb, um das Jubiläum seines Namens würdig zu machen: so traten dochüberall aus dem Chöre Repräsentanten der höchsten, immer auf die Zukunft bedach-ten Besonnenheit aus, welche durch Reden fesselten und wieder fesselten, belehrtenund für den nachhaltigen und positiven Fortschritt begeisterten.
Diese Intelligenz des Festes, immer auf eine Gemeinschaft für die öffentlichenAngelegenheiten hinwirkend, ist daher das eigentliche Fundament des socialen Lebensin Königsberg geworden. Es ward sonach zu dieser Zeit nicht blos für ein neuesUniversitätsgebäude der Grundstein gelegt, sondern auch der Grund für eine Lebens-entwickelung, die sehr bald großen Anklang in Deutschland finden, und mit Deutsch-
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