604
Preußen zur Zeit seiner Nationalversammlung.
nach strebt, die frühern Zustände wieder herbeizuführen." Er erklärte, dies sei ganznatürlich, da die Offiziere schon im ältcrlichen Hause und später in den Cadetten- .Häusern eine abgesonderte Erziehung erhalten, daß sie bei ihrem Eintritt ins Heerden sogenannten Corpsgeist vorgefunden, der ihnen verboten, sich mit den andernStänden zu vermischen. „Gegen diesen Geist der Absonderung", rief er aus, „ge-gen diesen Geist der Trennung war der Erlaß, den die Versammlung beschlossenhat, gerichtet; wir wollten allen Gliedern des Staats sagen: Heer und Volk sollevon jetzt an eins sein, nach einem Ziel streben wir Alle hin, nach Verwirklichungeines konstitutionellen Rechtszustandes. Wenn jener Theil des Heers, jener Theil derOffiziere sieht, daß es dem Ministerium ebenso Ernst ist wie der Nationalversamm-lung, eine Vermischung des Civil und Militair herbeizuführen; wenn er sieht, daßes dem Ministerium ebenso Ernst ist wie der Nationalversammlung, jene Einigkeitzwischen Heer und Volk herbeizuführen, durch welche Preußen in den Jahren 1813und 1814 unüberwindlich war; wenn jener Theil der Offiziere sieht, daß das Mini-sterium und die Versammlung von einem und demselben Ernst durchdrungen ist:dann werden jene traurigen Conflicte und Reibungen, wie wir sie so oft zu beklagengehabt, sicher nicht mehr vorkommen. Das war der innere Grund, der uns damalsbewog, diesen Beschluß zu fassen. Dieser innere Grund hat bis auf den heutigenTag nichts an seiner Bedeutung verloren. Es kommt aber jetzt noch ein äußererGrund dazu. Jetzt, nachdem der Beschluß gefaßt worden ist, verlangt es, denke ich,die Ehre und Würde unserer Versammlung, daß dieser Beschluß in der That auch >zur Ausführung gebracht wird. Was wird man sagen, wenn dieser Beschluß nicht !zur Ausführung gebracht wird? Während alle Ministerien sich den Beschlüssen derVersammlung conform halten, thut es allein das Kriegsministerium nicht. Jene Of- >flziere werden mit scheinbarem Recht sagen: Seht ihr, die Versammlung kann be- Ischließen was sie will, unser Kriegsministerium bringt es, gegen uns gerichtet, nichtzur Ausführung. Wir sind immer noch die Bevorzugten im Staate. Dieser äußere IGrund ist ebenso wichtig als der innere. Noch einmal: die Ehre und Würde unse-rer Versammlung verlangt es, daß dieser Beschluß zur Ausführung gebracht wird."
Der Minister Kühlwctter nahm hierauf das Wort, um zu zeigen, daß das Mi-nisterium einen Antrag nicht ausführen konnte, der die politische Gewissensfreiheit !beschränke, und daß ein großer Unterschied zwischen diesem Erlaß und dem an dieCivilbeamten gerichteten bestehe. Wenn das Ministerium nicht schon am 9. Aug.darauf aufmerksam gemacht habe, so sei der Grund darin zu suchen, daß es geglaubt,der Unterschied falle in die Augen. Das Ministerium verharrte also dabei, den ansich ungefährlichen Antrag zu einem hochgefährlichen zu machen, indem es den Sinndesselben auf die Spitze stellte. Die Folge davon war, daß die Versammlung umsv-wcniger sich dieser Hartnäckigkeit unterwerfen wollte. Selbst das eigentliche Centrumfiel von diesem Tage an vom Ministerium ab. Eines ihrer hervorragendsten Mit-glieder, von Unruh (für Magdeburg), stellte den Antrag, die Debatte zu vertagen,da der Gegenstand zu wichtig sei, als daß man unvorbereitet darüber entscheiden "könne. Die Rechte schloß sich Dem an. Sie hoffte so dem Ministerium den Sieg ,zu verschaffen. Der Augenblick war noch nicht gekommen, wo auch in ihren Reihensich Männer fanden, die nicht ohne Widerstand das Ansehen der Versammlung ver-nichten lassen wollten. Vielmehr trug sie mit dazu bei, den Glauben im Lande undin der Armee zu verbreiten, die Linke wolle die Armee entehren und die politischeGesinnung der Offiziere ausforschen. Bis zum 4. Sept. war aber diese Linke schüch-tern und isolirt: der Eigensinn der sogenannten Conservativen und der böse Willeder Reaction verstärkten sie erst und gaben ihr Muth und talentvolle Führer. DieLinke, mit ihrem gewohnten Ungestüm, wollte von der Vertagung nichts wissen.Waldeck stürzte erzürnt auf die Tribune, um das Unrecht des Ministeriums zu zeigen. >Entrüstet fragte er am Schlüsse: „Wie kann das Ministerium sich weigern, dasWenige zu geben, was wir im Namen des Landes und des Volks verlangt haben.Zch sage Ihnen, mit Ehren können wir hier nicht eine Minute länger sitzen bleiben-