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Ungarn vor der Märzrevolution.
wegung einen modernen, humanen Charakter zu entfalten. Es gilt nicht mehr dempersönlichen Interesse des einen oder andern Dynasten, sondern einzig und allein einerallgemeinen nationalen, oder doch als national geltendgemachten Idee. Und nichtaus dem blutigen Schlachtfelde, sondern in stillen Berathungssälen, nicht durch dieGewalt des Arms, sondern durch die Macht des Geistes wird der Kamps entschie-den, der Sieg errungen.
Joseph's II. Offenheit und Derbheit zertrümmerte mit Einem Fausischlag einGebäude, das seiner Vorgänger List und Schlauheit durch lange, lange Jahre müh-sam zusammengezimmert hatte. Nicht nur im Auslande, sondern selbst in Ungarnhält man oft dafür, daß Joseph II. dem Lande gegenüber ganz neue, noch nie da-gewesene Absichten gehegt, und dadurch den ungeheuern Sturm, durch welchen dasStaatsschiff seiner Reformplane scheiterte, gegen sich heraufbeschworen habe. DieAnsicht ist, beim Licht betrachtet, grundfalsch. Joseph's Vorgänger wurden Ungarngegenüber von denselben Absichten wie er geleitet. Nur waren seine Beweggründeverschieden von denen seiner Vorgänger, d. h. viel edler als die Absicht Jener. DieVorgänger Joseph's wollten Ungarns nationale Selbständigkeit vernichten, um esdann, wie die Erblä'nder, mit absolutistischer Willkür beherrschen zu können. Josephhingegen handelte, um bei seinen zeitgemäßen Reformen überall freie Hand zu haben,und in Ungarn ebenso wenig als in seinen andern Ländern vom sogenannten gesetz-lichen Widerstand gehemmt zu werden. Und doch rief er eine Erbitterung hervor,stieß eben er auf einen Widerstand, den seine Vorgänger nie erfahren hatten. Warumdies? Weil die Letztem, die Unrechtmäßigkeit ihres Vorhabens fühlend und kennend/schlau und geheim operirten und so die Aufmerksamkeit der Patrioten täuschten, wäh-rend Joseph, seiner redlichen Absichten sich bewußt, offen und gerade zu Werke ging.
So hatten es z. B. die Vorgänger verstanden, allmälig im öffentlichen Lebendie lateinische an die Stelle der ungarischen Sprache zu sehen. Wäre in dieser lang-samen aber sichern Weise noch länger fortgefahren worden, so wäre das Ungarischeallmälig verfallen, und es hätte nach einigen Jahrzehnden keine Mühe gekostet, diedeutsche Sprache zur Gesetzes- und Landessprache Ungarns zu erheben. So hattebis zu Joseph jeder östreichische König beim Antritt der ungarischen Regierung dieHeilighaltung und Aufrechterhaltung der Konstitution beschworen. Doch kein Ein-ziger betrachtete sich hierdurch gebunden, daß er nicht hinterher heimlich und offenaus Schwächung und Brechung der Landesverfassung hingearbeitet hätte. So hattendie Vorgänger die autonomische Municipalverfassung der Comitate ungehindert bestehenlassen, wußten aber deren Häupter und Leiter so für-sich zu gewinnen oder doch ein-zuschläfern, daß sie manche Gesetzwidrigkeit unbeachtet ließen. Zu all Dem war Jo-seph zu ehrlich und offen. Er wollte mit einem mal die ungarische Sprache ausder Reihe der lebenden Sprachen streichen, und an deren Stelle das verhaßte „Deutsch"setzen. Er wollte den Krönungseid nicht leisten, um die, seinen einheitlichen Centra-lisationsplanen hinderliche ungarische Verfassung ohne Gewisscnsscrupcl aufheben zukönnen. Er vernichtete die Comitatseintheilung und theilte Ungarn, nach demMuster der Erblä'nder, in (10) Kreise. Durch diesen offenen Vernichtungskrieg, dener gegen die alte Landesconstitution und die ungarische Nationalität führte, wurdeallseitig das entschlummerte Nationalgefühl kräftigst aufgerüttelt. Dieses National-gefühl offenbarte sich in so lebhafter und entschiedener Weise, ermannte zu solchenergischem Widerstand, daß Joseph auf seinem Sterbebette, sollten nicht seine letztenAugenblicke durch eine blutige Revolution getrübt werden, sich genöthigt sah, seinein Bezug auf Ungarn getroffenen Anordnungen feierlich zurückzunehmen, und demLande wieder seine alte Selbständigkeit, dem Volke seine alte Nationalität zu garantiren.
Joseph kam eben zur rechten Zeit, um Ungarn vom Verfall zu retten. Niewar das östreichische Cabinet seinem Ziele, der Entnationalisierung Ungarns, näher ge-rückt, als in dem Moment, wo Joseph den Thron Habsburgs bestieg. Wäre er inder schlauern und sichern Weise seiner Vorgänger fortgefahren: das Werk wäre viel-leicht, allem ungarischen Patriotismus zum Trotz, bald gelungen. Seine Vorgängerin