Band 
Fünfter Band.
Seite
6
JPEG-Download
 

6

Ungarn vor der Märzrevolution.

desverfassung, weil durch deren Aufhebung auch seine Privilegien und Vorrechte ver-nichtet wurden. Man braucht nur die Reaction zu beobachten, welche unter seinemNachfolger, Leopold H., sich geltendmachte, den Federungen zu lauschen, welche derAdel an diesen restaurirenden Herrscher stellte, um zu sehen, was ihn eigentlich gegenJoseph so sehr in den Harnisch gebracht hatte. Die von Joseph proclamirte voll-ständige bürgerliche Gleichheit und die hierdurch bedingte Aufhebung aller Standes-vorrechte bildete den Hauptstein des Anstoßes. „Es ist zwar natürlich", sagt unterAnderm das honter Comitat in seinem Huldigungsschreiben an Leopold, „daß dieFreiheit,, welche doch selbst den Thieren angenehm ist, von jeder Volksclasse gewünschtwird. Da aber die weise Vorsehung, welche über das Menschengeschlecht wacht, esso wollte, daß Diese als Könige, Jene als Adelige, Andere wieder zu Sklaven ge-boren seien, so werden wir, ohne hierdurch die christliche Nächstenliebe zu verletzen,von unsern Vorrechten nicht lasten." Das war ungefähr der Geist, von welchem,mit sehr geringen Ausnahmen, der ungarische Adel unter Joseph und Leopold ge-leitet wurde. Diese Richtung verfolgte auch der von Letzterm einberufene, am 6. Juni1790 in Ofen zusammengetretene Landtag. So manche seiner Thaten bezeugen diesunumstößlich. So wurde z. B. das von Joseph aufgehobene Unterthä'nigkeitsverhält-uiß des Bauern zum Edelmann wieder in seiner alten barbarischen Weise hergestellt;ja, von Vielen wurde sogar auch die Aufhebung des von Maria Theresia im Jahre1767 eingeführten, somit durch den Usus bereits geheiligten Urbarialgesetzes und dieWiederherstellung des alten Sklaven- statt des neuen Unterthanenverhältnisteß bean-tragt. Die Freiheiten und Rechte, welche Joseph den nichtunirten Griechen be-willigt, wurden bedeutend geschmälert. Selbst die Religionsfreiheit der Protestantenwurde neuerdings ein Gegenstand anhaltender und heftiger Debatten, die nur durchBatthyany's energisches Dazwischentreten eine friedliche und humane Lösung fanden.Der Adel sträubte sich aufs hartnäckigste gegen die Vertretung der Städte amReichstage, und gönnte allen Repräsentanten des Bürgerthums zusammengenommennur das Recht Eines Adeligen. Ja, einer der bedeutendsten Districte Ungarns, derKreis diesseit der Donau, hatte in dem von ihm ausgearbeiteten Vorbilde des von demneuen König zu bestätigenden Krönungsbriefs folgenden Passus aufgenommen: „Allegeistlichen und weltlichen Würden, alle Kriegs-, Negierungs- und Gerichtsämter, miteinem..Worte alle wie immer gestalteten königlichen oder Landes-, kleinern oder grö-ßer» Ämter, können nach Paragraph 53 des ersten Buchs von Ladislaus' Gesetz-sammlung und Paragraph 13 von 1711 nur nach dem Gutdünken und der.Wahlder Nation vergeben werden. Wir (nämlich der König) werden daher jene Ämter,deren Besetzung uns anheimgegeben ist, nur geborenen Ungarn und, wie es die Ge-setze verlangen, begüterten Adeligen anvertrauen. Und inwiefern solche öffentliche Äm-ter gegenwärtig entweder von Nichtungarn verwaltet werden, oder von solchen Ungarn,welche den gesetzlichen Erfoderniffen (nämlich Adel und liegendes Besitzthum) nichtentsprechen, so sollen diese noch im Laufe des gegenwärtigen Reichstags ohne Aus-nahme allesammt von ihren Ämtern entfernt werden." Hält man diese Äußerungenund Bestrebungen mit dem unter Joseph geoffenbarten Widerstand gegen die gleicheBesteuerung, die allgemeine Militairpflichtigkeit, Volkszählung u. s. w. zusammen, soergibt sich klar genug, daß selbstsüchtige Motive die Haupthebel jener vielgepriesenennationalen Erhebung bildeten. *)

*) Der tüchtige Historiker, Michael Horvath (vom ungarischen Ministerium zum Bischoferhoben, in der ungarischen Republik zum Cultußminister avancirt), den gewiß Niemand anti-ungarischcr Gesinnungen anklagen wird, äußert sich in seiner „Ua^arolc ivi-tenele" („Ge-schichte der Ungarn", 4 Bde., Päpa 1842—46) über die damaligen Liberalen in folgenderWeise: „Der Geist der Französischen Revolution wirkte auch auf sie und erzeugte in ihremHerzen eine früher nie gekannte Aufregung. Aber sie nahmen die revolutionären Ideen nurinsofern an, als diese mtt ihrer bisherigen Denkweise, mit ihren nationalen und constitutionellenAnsichten vereinbar waren. Und wahrend die Häupter der Französischen Revolution dem bäuer-lichen Unterthänigkeitsverhäktniß den Kampf auf Tod und Leben ankündigten, waren die un-