Frankreich und Paris nach der Februarrevolution. 49
er sich angemaßt, und spreizte sich in Würden und Ämtern, womit ihn Niemandbekleidet. Mancher Minister hatte die ersten acht Tage einen Secretair, den er nichteinmal dem Namen nach kannte, der aber alle seine Briefe aufmachte, und Tag undNacht bei ihm war. Drei unbärtige Gelbschnabel, aber bereits Grauköpfe in derFrechheit und Jntriguenmacherei, befanden für gut, sich von amtswegen zu Secre-tairen der Provisorischen Regierung zu ernennen. Räch den ersten Momenten un-säglichen Wirrwarrs säuberte man einigermaßen das Rathhaus von dieser Bande po-litischer Abenteurer und patriotischer Maskenträger z doch mochten immerhin unterden daselbst permanent anwesenden 2000 Personen noch falsche Repräsentantender Demokratie und Republik in ziemlicher Anzahl übrigbleiben, und die Masse vonErgebenheit und Uneigennützigkeit, welche ein wachstehendes Freicorps der Provisor:-scheu Regierung zu Füßen legte, war gewiß nicht ohne unlautere Beimischung. Aberim Allgemeinen besserte sich der Anblick, und wenigstens die Secretaire, sowie dieandern amtlichen Gehülfen der Regierung und Municipalität waren durchgängigLeute, gegen die in moralischer Beziehung nichts Ubeles verlautete. So der Buch-händler Pagnerre, Generalsecretair der provisorischen Regierung; der Publicist Du-cken, Unterstaatssecretair im Finanzministerium; der praktische Arzt Recurt, General-secretair der Mairke; der gelehrte Arzt und Naturforscher Buchez, erster Adjunct despariser Maire; der Journalist Edmond Adam, zweiter Adjunct; Cordon, Obersten-tair der Mairiez der Literat Clavel, das Alterego von Pagnerre; Etes, Bildhauer;Flottard, Mitredacteur der „ketormo"; Charles Blanc, Kunstkritiker und Brudervon Louis Blanc; Alexandre Ney, Mitarbeiter zuerst am „60N8tiLutjorme1", dannam „National"; Marcel Dupeyre, späterer Secretair von Louis Blanc; Charles Rou-venat, Secretair der National-Belohnungscymmission; Vigoureux, ehemaliger GerantdeS „von 86N8"; Martin, einer von Marrast's Secretairen, u. s. w. In der damali-gen Belebtheit und malerischen Verwirrung hatte das Rathhaus zugleich das Aus-sehen eines Taubenschlags und einer Citadelle. Civil- und Militärverwaltungen stie-ßen da zusammen, und die provisorischen und improvisieren Ämter verwickelten sichdort zu einem seltsamen Knäuel. Das Rathhaus war der Sitz der Staatsgeschäfte,dessen Zifferblatt die Stunden und Schicksale Frankreichs anzeigte, und enthielt zu-gleich das Generalstcretariat der provisorischen Regierung, das Öffentlichkeitsbureau,das National-Discontocomptoir und das eigentliche Stadtamt, welches in diesem allge-meinen Getümmel ganz verschwand.
Die Gitter des Nathhauses, beständig von einer müßigen, neugierigen und imAllgemeinen friedlichen Menge umlagert, öffneten sich nur gegen Vorzeigung einerklemen rothen Karte, die mit dem Regierungssiegel gestempelt war, und welche alleAngestellten stets beisichtragen mußten. Der Postenbefehl war äußerst streng, undvom Eingang zu ebener Erde bis in den ersten Stock wurde die Karte von denSchildwachen fünf oder sechs mal verlangt. Der mittlere kleine Hof, wo die bron-zene Reiterstatue Ludwig's XIV. steht, die ganz unangetastet blieb, sah aus wie einetürkische Wachstube von Descamps, voll pikant-pittoresker, unakademischer Gruppen,die unter den Hallen des Säulenganges bivouakirten. Eine ähnliche bunte Mengein Jacken, Kitteln, Manteln und turbanartigen Kopfbedeckungen füllte den großenHos und das prächtige Stiegenhaus, welches nach dem Thronsaal hinaufführt, woman zuerst ein Feldlazareth und dann eine Kaserne für ein Bataillon Mobilgardeeingerichtet hatte.
Die Mitglieder der provisorischen Regierung versammelten sich gewöhnüch alleTage zu einer Art von Staatsrath auf dem Stadthause, in dem ehemaligen Arberts-cabinet des Grafen Rambuteau. Die öffentlichen Audienztage, wobei die RegierungS-repräsentanten kein anderes Unterscheidungszeichen trugen als eine über die Schultergehängte dreifarbige Schärpe und eine im Knopflochs befestigte rothe Rosette, wur-den meist in einem der nach der Seine herausgehenden Staatsgemächer gehalten,Wo sich theilweise das Secretariat und die Bureaux der Regierung befanden. DerDie Gegenwart. V. ^