Frankreich und Paris nach der Februarrevolution.
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noch größer. Wenn Lamartine spricht, so hört man seine besten Bücher und wahreGedichte. Denn der Mann ist so unter der Gewalt der Phantasie, daß der Unter-schied von Dichtung und Wirklichkeit für ihn gar nicht mehr exisnrt. Seme ^e-redtsamkeit strotzt wie ein dichtverwachsener Wald, in den sem Geist steh vertieft unoverirrt, ohne sich wieder herausfinden zu können, und seine Zrchorer, die er nut un-widerstehlicher Gewalt fortreißt, folgen ihm athemlos bei dem Schern der Buhe, dreerhellend durch das Dunkel fahren, und schauerliche Abgrunde erleuchten. Lamar-tine ist ein verirrter Sprößling der Musen, der durch den modernen Zeiten- undJdeensturm vom Helikon nach dem Berge des Convent verschlagen undtraurigen Parnaß zur Strafe für, ich weiß nicht, welches Vergehen eine «est-
gehalten wurde. Er wähnte den Abgrund der Revolution mit Redeblumen schließenzu können, und im ersten Augenblick schien es ihm gelingen zu sollen. Sein mäch-tiges Wort war das klang- und erfolgreichste Instrument des provisorischen Regie-rungsorchester; der politische Sturmwind lockte Töne daraus hervor von der wunder-barsten Art und wie von einer Aeolsharfe auf dem Forum, wo ausruhnsche Ele-rnente toben. Lamartine's Sprache, in den Reden ans Volk sowol als in denManifesten an die Cabinete, hatte das Gepräge der damals Schlag auf Schlag fol-genden Begebenheiten, Großartigkeit und Verwirrung. Überlegung und Logik hattenviel dagegen einzuwenden, schwiegen aber still dazu, und konnten nicht wol rügen,daß die Menschen in ihren Reden etwas von dem Abenteuerlichen anfichtrugcn, wel-ches im Schicksalsgange der Dinge hervortrat. Reichte doch Das, was wir damalsin die Wirklichkeit hereinbrechen sahen, um hundert Klaftern weit über die kühnstenSprünge der Phantasie hinaus, und die Tagsgeschichte konnte nur noch in derSprache der Traumwelt und Dichtkunst sich ausdrücken. Diese Sprache war da-mals die wichtigste und mächtigste, ja eigentlich die einzigste Staatsgewalt, und, ge-stehen wir es, nicht ohne wirksame Größe und Harmonie. Solange es daraus an-kam, sinnlos aufgeregte Massen mit schallenden Worten und blendenden Bildern zubeschwichtigen, that sie Wunder; sie verlor aber ihre Zauberkraft, als es galt die stür-mische Bewegung der bewußtvoll streitenden Interessen und Parteien zu beschwören.
So finden wir in Frankreichs provisorischem Regierungsrath Männer, die hin-sichtlich ihres Privatcharakters im Allgemeinen die Anerkennung jedes Unparteiischenund Billigdenkenden verdienen, Männer von allen patriotischen und demokratischenNuancen, aber auch von verschiedenen, widerstrebenden politischen Richtungen. Zuvör-derst die bald ganz verschwindende frühere liberale Schule, nur noch in einigen Ge-nossen Lafayette's und Lasfitte's; dann die ältere republikanische Schule, in zwei Ab-theilungen geschieden, die girondistische, am würdigsten durch Arago und Marrastreprasentirt; und die jakobinische, deren Haupt Ledru-Rollin. Endlich als die zweiStützen der neuen demokratischen Schule: Louis Blanc mit seinen weitgreifenden so-cialen Umwälzungsplanen, und Lamartine, auf jakobinischen Stamm den Zweig ur-christlich-humanitairen Geistes impfend. Eine plötzliche wunderbare Revolution brachtedie Sommitäten aller dieser Richtungen an das Staatsruder, ohne daß sie Zeit hat-ten, sich im voraus über ein Regierungsprogramm zu verständigen. Die Verschie-denheit der Ideen und Tendenzen machte im ersten Augenblick übereinstimmendesWirken nicht wol möglich und einzelne Mißgriffe unvermeidlich, war aber keine Ent-schuldigung dafür, daß die Haupthandlungen und Maßregeln seitens der neuen pro-visorischen Machthaber in Finanz-, Handels-, Polizei-, Rechtspflege- und Staatskunst,angelegenheiten dauernd und durchgängig den Stempel der vollkommensten Unfähig-keit und Planlosigkeit ansichtrugen. Man verschwendete nicht blos die vorgefundenenGelder der öffentlichen Kassen mit allzu großer Freigebigkeit, sondern vergeudete auchrn den ersten paar Tagen den alten Bestand sowie den neuen Zuschuß von Regie-rungskrisen mit einer Selbstgenügsamkeit, die jeder Thorheit das Siegel der Zustim-mung aufdrückte, die, über alle Gefahren verblendet, keinen ihrer Fehltritte argwöhnte,und sich sogar für entehrt gehalten haben würde, wenn sie aufgehört hätte, unver-nünftig zu handeln. ^