Frankreich und Paris nach der Februarrevolution. 65
leisten, und schaute sehnsuchtvoll nach einer Hand, die so viele streitbare Kräfte lenkenkonnte; aber so eine Hand ward Keiner gewahr. Die provisorische Regierung hieltihre Zügel schlaff, und man sah ihr eine gleiche Verlegenheit, Beklemmung undRathlosigkeit an, die, wenn nicht immer Schuld, doch gewiß Schwäche, innere Aer-rifsenheit und Unfähigkeit, etwas Großes und Festes zu gründen, verrieth. Siebestand aus zu heterogenen Elementen; ihre Mitglieder hatten nichts miteinan-der gemein, als daß sie allgemein als antidynastisch anerkannt waren und ver-möge der Natur der Dinge nicht anders als antidynastisch sein konnten. DieseBeschaffenheit bildete den negativen Kern ihrer Einheit, und der gewaltige Dmck deräußern Umstände gab ihnen vorübergehend das Ansehen eines compacten Ganzen.Wenn Männer, wie Lamartine und Dupont de l'Eure, Marrast und Arago, mitMännern, wie Ledru-Nollin und Louis Blaue oder Flocon, nicht zu einer einstim-migen Regierung zusammenwuchsen, so lag eS theilweise allerdings an mannichfacherVerschiedenheit ihrer Grundsätze und Absichten, mehr aber noch positiven Ruck-sichten, Verhältnissen, Befehdungen, und ganz besonders darin, daß von diesen Män-nern Keiner durch Staatseinsicht, Charakterstärke und Geschäftserfahrung eine poli-tische Überlegenheit entfaltete, wie sie überall erfodert wird, wo schwankende Massensich um einen festen Kern ansetzen und sich zu einer festen Gestaltung innerlich ver-einigen sollen. Die hervorragendsten Persönlichkeiten des provisorischen Negierungs»raths waren unstreitig Lamartine und Ledru-Nollin; aber weder der Eine noch derAndere ist aus dem Metall, aus welchem große Staatsmänner und Begründer einerneuen Gesinnung und Richtung in der Politik gegossen werden, und keiner von Bei-den ahnte auch nur, was nöthig wäre, um den innern Kern der Nation zu ent-wickeln, aus dem allein der reiche und fruchttragende Baum des öffentlichen Lebenshervorsprossen kann.
Die über einzelne und sogar nicht wenige Fragen bestehende Zerrissenheit ließsich daher für die Zukunft aus dem Rathe der Regierung ebenso wepig als auS demSchosse der Republik bannen; sie mußte sogar, je länger das Interim dauerte, nochimmer steigen. Einstweilen thaten sich drei republikanische Hauptrichtungen hervor:die gemäßigt republikanische, die ultrarepublikanische, und die socialistische. Die Ma-jorität der Regierung huldigte offenbar der erster» Richtung, und suchte sich zwischenden Ultrarepublikanern und Socialisten in der Mitte zu halten. Unter ihr befandensich Männer von Talenten, von Rcchtschaffenheit, aber noch mehr schwache Politiker,die sich einbildeten, mit den Verbrechen capituliren und sie unterdrücken, wäre Eins.Sie waren überdies, zufolge der praktischen und theoretischen Revolution, in die son-derbarste Stellung, man möchte fast sagen, ins Leere hineingerathen, und hatten kei-nen Boden oder nur einen sehr schlüpfrigen, der, wenn sie fest zu treten glaubten,immer wieder unter ihren Füßen sank. Die gemäßigte Republik, die sie gern ge-stiftet hätten, war lediglich ein frommer Wunsch, eine bloße Idee, ohne alle Mittel,diese Idee zu verwirklichen. Ohne Zweifel gab es in den Hähern und mittlern Stän-den sehr Viele, welche die Furcht vor den Proletariern zu wohlwollenden Anhängernder gemäßigten Republik machte; allein man darf diese schwachen Menschenclaffen,die nichts können als seufzen, die durch ihren Charakter und ihren Stand verdammtsind, allen Parteien zum Spielzeug zu dienen, nicht in Rechnung bringen, wennvon handelnden Wesen, die in Revolutionszeiten ausschließlich zählen, die Rede ist.Die Partei der provisorischen Regierung, oder richtiger der Majorität der provssvn-schen Regierung war vorzugsweise eine zögernde, unthätige; sie hatte kein Haupt,und war auch in einem andern Sinne hauptlos. Der größere Theil der mterimisti-'. 7 /" Staatsgewalt, welcher sich nur auf diese passive Masse stützte, und dazu nochunerklärliche Fehltritte die Sympathie der Bessern und Besten verscherzte, konnteuicht allein gegen die Thätlichkeiten der Anarchisten von allen Farben ver-D^en Nachdem einmal der erste Anstoß gegeben war und kühne, planvolle Böse-w'lyrer sich Vortheil gesetzt hatten, so kannte die Frechheit keine Zügel, ihr ReichDie Gegenwart, v. 5