Band 
Fünfter Band.
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Frankreich und Paris nach der Februarrevolution. 93

damit antreten, daß sie die provisorischen Elfmänner absetzte; allein sie hatte nichtden Muth dazu, und begnügte sich, ihren Sieg mir Proklamationen zu feiern. „DasVolk", sagte man darin, „wacht mit strengem Auge über die Umtriebe der Bourgeoisie."Es war eine Art Vorspiel des Schreckens. Die pariser Bürger zitterten dabei wiebei einem Gewittersturm, der wetterleuchtend und donnernd über die bebende Erdezieht, und fürchteten, im nächsten Augenblick werde ihnen das Haus über dem Kopfezusammenfallen; sie illuminirten zu ihrer Niederlage, auf höhnendes Verlangen derBolksmasscn, welche nach zehnstündigem Herumtosen endlich abflössen und sich damitzufriedengaben, daß sie die Demüthigung der stolzen Hauptstadt mit Flammenzugenallen Häusern an die Stirn geschrieben. Jene Manifestationen wirkten besondersinsofern kläglich, als sie das dringendste Bedürfniß des Augenblicks, dgs Vertrauen,heillos zerrütteten. Die grassirende Epidemie war die Angst, eines der schlimmstenFieber, in das die gährenden Staaten und Gesellschaften fallen können, weil die mei-sten Mittel, die dagegen gebraucht werden, die Anfälle steigern, und die Krankheitsich nur von selbst heben kann. Die Manifestationen gingen freilich ohne Eewalttha-tigkeiten vor sich, aber die Gemüther wurden davon betroffen. Einerseits richtetesich das Gespenst der Contrerevolution, andererseits das Gespenst der Schreckensherr-schaft spukartig in die Höhe. Die Manifestation vom 17. März war eine Entgeg-nung auf die vom 16. März. Was sollte bei diesem unseligen Widerspiel heraus-kommen? Angeblich wollte Niemand Bürgerkrieg und Anarchie; thatsächlich nahmMan aber den Weg, der dazu hinführte.

Schon die Ausdrücke, die man unwillkürlich zur Bezeichnung dieser Manifesta-tionen gebrauchte, glichen einer Losung und einem Banner der Zwietracht. Es hieß:Am Donnerstag ist die Bürgergarde nach dem Stadthause gezogen; am Freitaghat sich das Volk in den Elyseeischen Feldern versammelt. Es gibt wol Zeiten, woman ganz gefahrlos Worte gebrauchen darf, die blos Verschiedenheiten der gesellschaft-lichen Stellung ausdrücken; in Revolutionszeiten jedoch muß man auf Alles achten,weil All?s zur Waffe des Haders werden kann. So wurde damals und wird nochjetzt der zweideutige Sinn des Worts peuple *) im schmählichsten Parteiinteresseausgebeutet. Die äußersten Parteien gebrauchten dieses Wort als Kriegsparole, undihre Organe machten zwischen bou5tz6oi8ie und peuple einen Unterschied, der zwarfactisch **), aber nicht gesetzlich vorhanden ist. Sie coquettirten förmlich mit demWorte: Volk! Alles für das Volk! das Volk ist Herr! das Volk will Dies, dasVolk will Jenes u. s. w. Unter Volk verstanden sie aber nicht die gesammte Staats-bürgerschaft ohne Ausnahme, d. h. Jedermann, sondern zunächst sich selbst und her-nach ihre Coterie. Und nicht blos die plumpen, rohen, auch die vornehmer», gebil-

*) 2 n Frankreich versteht man nämlich unter „peuple" auch DaS, was wir „Pöbel" nen-nen. Wer Leute von anderm und niederm Stande als demjenigen, welchem er angehört, be-zeichnen will, gebraucht dafür das Wort peuple. Den alten Herzögen und Marquis sind diegroßen Fabrikanten und Kaufleute komrnes äu peuple; die großen Kaufleute und Fabrikan-ten sagen Dasselbe von ihrem Schlosser, ihrem Stellmacher, ihrem Tischler u. s. w., und Letz-tere nennen wieder so die Arbeiter, die Tagelöhner u. s. w. Für Leute, bei denen das Kleidden Mann macht, ist peuple Alles, was, anstatt Paletot und Kastorhut, Blouse und Mütze trägt.

**) Factisch besteht freilich zwischen den Leuten vom Bürgerstande (dourZeoisie) und denLeuten vom Volke (peuple) ein ähnlicher Gegensatz und Unterschied wie früher zwischen nodleund roturier. Daß drückt sich überall aus im Leben wie in der Sprache. Die,Dienstmagdsagt von ihrer Herrin ms dourgeoiss, denselben Ausdruck gebraucht die Ouvriere von derMeisterin, bei der sie arbeitet. Der Bediente nennt seinen Herrn nicht mehr mou maltre,sondern M0u bourZeois; ebenso bezeichnet der Geselle seinen Meister, ,und der Handwerks-uwnn, der uns einen hohen Begriff von seiner Kundschaft geben will, rühmt sich er arbeitePvur cke 8 dourLeoi 8 . Mit Einem Worte: alles Herrschaftliche m Frankreich ist bour-^018 (im subjectiven und objectiven Sinne). Käme morgen der peuple ans Staatkruder,so träte er übermorgen in Gegensatz zur esusille. Diese Gegensatze liegen un Wesen dersocialen Ordnung. Nur im Chaos ist Gegensatzlosigkeit, Unterschiedlosigkeit; wo Organisationeintritt, gibt es eine Classification, eine Subordination, eine Rangordnung, und es kommt nurarauf an, die Unterschiede zu regeln.