Band 
Fünfter Band.
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114 Frankreich und Paris nach der Februarrevolution.

den aufzutreiben. Ein Anderer verminderte die Abgaben und vermehrte die Ausga-ben; ein Dritter vereinfachte die Ausgaben und verdoppelte die Abgaben, und so fort.Nach den Staat-finanzen, was war wol wichtiger als die Privatfinanzen? Auchward kein Punkt mehr und häufiger berührt als die pecuniairen Interessen. Mattfühlte, wo der Hauptschaden lag; aber das Rathen war hier ebenso mislich als dasHelfen. Doch wurden tausend und tausend Vorschläge und Meinungen laut, unreine gleichmäßigere Vertheilung der Glücksgüter zu bewirken. Ein ältlicher Mann,der seiner Kleidung nach nicht zu den Ärmsten und Niedrigsten vom Volke gehörte,predigte einst gegen die hartherzigen Reichen, denen er ein „unmögliches, aber um stverdienstlicheres" Opfer zumuthete. „Wenn Diejenigen, welche mehr haben als siezum Leben brauchen, ihrem Überfluß entsagen wollten, so wäre unS Allen geholfen;denn es ist genug da, um jedem Bürger 2000 Francs Rente festzustellen." Allesspitzte die Ohren und drängte sich dichter um den Prediger. Da machte ihm einBlousenmann, der nationalökonomische Werke gelesen haben mußte, einen fatalenQuerstrich, indem er ihn erinnerte, daß das ganze Einkommen Frankreichs nur neunMilliarden betrage, und bei dieser Summe, wenn man sie mit der Seelenzahl, d. h-mit 35 Millionen dividire, für den Einzelnen sich blos ein Antheil von 250 Francsjährlich oder 65 Centimes täglich ergebe. Allein den Redner hielt nichts auf. Erfertigte den Einwand mit einem Ausfall gegen die Statistiker ab, und fuhr in seinemThema fort. Wie man sich vorstellen kann, fehlte es nicht an Solchen, die geradezuGütergemeinschaft, und was dazu gehört, vorschlugen. Die höchsten Probleme derStaats- und Privatwirthschaftslehre wurden auf allen Gaffen erörtert. Die socialenFragen bewegten alle Geister, und die anscheinend frivolsten, lockersten Reden warenvoll von ernsten, inhaltschweren Worten, als Capital, Arbeitslohn, Concurrenz, Pro«duction, Association, Organisation u. s. w. Jedes Kleinste und Größte, was obengethan und verhandelt wurde, zeigte sich unten in ähnlicher oder etwas veränderterGestalt wieder. Vernünftiges und Unvernünftiges, Tolles und Gescheites wechseltein einer ewigen Jagd. Aber doch diente dieses Hin- und Herwürfeln der Ideen,dieses Nachdenken und Schwatzen, auch nur über die nächsten irdischen Gegenständeund Bedürfnisse, immer zur Bildung oder wenigstens zur Mobilmachung des Geistes.Daß man nicht weiter sah als Paris, war ziemlich natürlich, weil man selbst dieeigenen Landsleute, die Franzosen, selten weiter her als aus Paris kennt.

Bei dem ewigen Halloh und Tumult, der bei'Tag und Nacht von der Straßeher in die Häuser schallte und Ängste über Ängste verbreitete, war an geselliges Le-ben nicht zu denken. Man hatte keine andere Zerstreuung als Politik, und besaßauch wirklich für nichts Anderes Sinn. Die Gemüthsstimmungen waren umgedrehtwie die Lebensverha'ltnisse, die geselligen Verbindungen zerrissen und die Anstands-pflichten auf weiteres verschoben. Vielleicht nie war Paris so wenig eine Stadt desVergnügens: alle musikalischen Abendunterhaltungen, alle Tanzsoireen hörten auf-Jedermann blieb daheim und gab sich freiwilligen Hausarrest. Die dringenden An-sprüche der Tagespolitik machten aus den SalonS lauter Rüstkammern und Wach"stuben. Die Männer erschienen daselbst nur noch in Uniform, und übten sich iMExercieren; die Frauen inspicirten die Monturstücke, putzten die Waffen, und hattenkeine Zeit, sich selbst zu putzen, geschweige denn Clavier zu spielen und Operettenzu singen. Man sang damals nichts als die Marseillaise, und machte keine ander*Musik als auf der Trommel. ES war Einem beständig zu Muth, als wenn maNvor seinem Hause: Feuer! Feuer! schreien hört. Die ganze häusliche Einrichtungkam in die fürchterlichste Unordnung. Daß die schönen Künste durch die Februarrsvolution in eine trübselige Lage geriethen, darf wol kaum bemerkt werden; nur di*Steinzeichnerei blieb in Thätigkeit. Doch ist von den politischen Lithographien, di*durch die Tagesereignisse angeregt wurden und in den Laden von Hautecoeur utt^Martinen auShingen, kaum mehr zu sagen, als daß die Caricaturen von 1848 berietvon 1830 beiweitem nachstanden.