Das Königreich Saison. 619
schen den Parteien, ohne selbst eigentlich eine solche, wenigstens eine ausreichend starke,hinter sich zu haben. Denn die Partei der Deutschen Vereine, abgesehen davon, daßsie soeben bei den Wahlen unterlegen hatte und also dem Ministerium keine genü-gende Stütze zu gewahren vermochte, konnte auch nur mit halbem Herzen sich zudessen Fahne bekennen, da in der deutschen Frage, welche für jene Partei die Lebens-frage war, das Ministerium Pfordten durchaus andern Grundsätzen huldigte als sie.
Die früher mehr nur formale Meinungsverschiedenheit zwischen dieser Partei unddem Ministerium wegen der Stellung Sachsens zu den Beschlüssen der Verfassung,gebenden Reichsversammlung war in eine sehr wesentliche materielle übergegangen.Die Majorität in Frankfurt hatte das Ausscheiden Östreichs aus dem zu gründen-den Deutschen Bundesstaate und die Bildung einer einheitlichen monarchischen Spitzefür letzter» beschlossen. Die Deutschen Vereine zu Leipzig und Dresden erklärtensich für diesen Beschluß, während das Ministerium sich der Idee eines Direktoriumszuneigte, unter allen Umständen aber nur eine solche Form der künftigen GestaltungDeutschlands zugeben wollte, welche dem Eintritt Östreichs in den Bundesstaat nichtim Wege stände. Die radicale Majorität beider Kammern huldigte keiner dieser An-sichten, sprach sich vielmehr dafür aus, „daß sie einen verantwortlichen Präsidentenan der Spitze Deutschlands wünsche und jede andere nicht wahrhaft demokratischeLösung der Oberhauptsfrage als eine unheilvolle betrachte".
Zur Zeit blieb es indessen bei diesem gegenseitigen Aussprechen von Ansichten.Der Landtag hatte kaum mehr als eine Woche gedauert, da erklärten die Ministerin beiden Kammern, daß sie dem Könige ein Entlassungsgesuch eingereicht hätten.Man drang in sie, über den Grund dieses Schritts sich auszusprechen; die Ver-muthung habe Platz gegriffen, daß ein Conflict der Minister mit der Krone wegenEinführung der Grundrechte sie zu einem solchen Entschlüsse veranlasse. Der Mi-nister von der Pfordten wies diese Ansicht zurück und erklärte: „der Grund, wes-halb die Minister dem Könige ihre Entlassung anheimgegeben, liege viemchr darin,daß sie nach reiflicher Erwägung der Gesammtlage des Ministeriums die Überzeugunggewonnen hätten, daß sie nicht mehr gedeihlich wirken könnten." Zugleich eröffneteer den Kammern, daß der König die erbetene Entlassung der Minister nicht ange-nommen habe, und zwei Tage daraus erklärte er: die Minister hätten, in Folge wie-derholter Auffoderung seitens des Königs, nach nochmaliger Erwägung sich ent-schlossen, ihr Entlassungsgesuch zurückzunehmen und die Geschäfte fortzuführen.
Die Kunde von der Ministerkrisis erregte damals fast allgemeine Bestürzungund bei den radicalen Kammern einige Beklommenheit, denn auch die Demokratiefühlte recht wohl, daß das abtretende Ministerium Braun keinem liberalern, weiteher einem minder volksthümlichen den Platz räumen werde. Alan sprach von einemMinisterium Carlowitz, auch wol von der Octroyirung eines neuen Wahlgesetzes. DieFreude über das Bleiben der Minister war daher allerwärts im Lande groß, und inzahlreichen Adressen gaben sich die noch immer starken Sympathien für die März-Uiinister kund.
Allein die Lage des Ministeriums blieb nach wie vor eine unsichere und aufdie Länge unhaltbare. Die Radicalen hatten zwar in der ersten Angst vor einemantidemokratischen Ministerium den Entschluß gefaßt, von ihrer Opposition gegendas Ma'rzministerium möglichst abzustehen; allein wie hätten sie diesen Entschlußdurchführen können? Das alte Spiel begann von neuem, und die Minister, imVorgefühl ihres unvermeidlichen Rücktritts, ließen es ruhig gehen, ohne mit vollerEnergie dagegen in die Schranken zu treten. Die Frage wegen der Grundrechteentschied endlich den völligen Bruch. Das Ministerium erklärte, die Grundrechte zwareinführen zu wollen, jedoch nicht im Wege einer sofortigen Publication derselben inihrer Gesammtheit, vielmehr nur nach und nach in einzelnen Ausführungsgesetzen*wd mit gewissen, deren Wirksamkeit regelnden (zum Theil aber auch beschränken-den) Erläuterungen. Die Kammern ihrerseits bestanden auf der sofortigen und un-veränderten Einführung. Da baten die Minister abermals um ihre Entlassung, und