Band 
Fünfter Band.
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Das Königreich Sachsen. 631

allerschiefste Stellung gegenüber dem Ministerium und den Radikalen. Nirgend istwol im Ganzen mehr gouvernementaler Sinn, mehr Neigung, den von oben gegebe-nen Impulsen, wenn sie zumal von vertrauenerweckenden Persönlichkeiten ausgehen,

, bereitwillig zu folgen, unter der Bevölkerung verbreitet als in Sachsen. Dieser Triebward aber irregeführt, da das Volk die Minister in einer so wichtigen Frage, wiedie deutsche, weit mehr mit den Radikalen als mit der Mittelpartei der DeutschenVereine gehen sah. So hat von dieser Seite her Pfordten fast ebenso sehr der De-mokratie in die Hände gearbeitet, wie Oberländer von der andern durch seine unver-hohlene Hinneigung zu den Vaterlandsvereinen.

Im Allgemeinen war das Mä'rzministerum schon in seiner Zusammensetzung zuungleichartig, um auf einen langen Bestand rechnen zu können. Kaum gab es einenstarkem Contrast als zwischen dem durch und durch ehrlichen, gemüthlichen Ober-länder und dem durch und durch diplomatischen, berechnenden Pfordten, wie vielauch Letzterer die Versicherung: daß er ein ehrlicher, ein deutscher Mann, ja ein De-mokrat sei, im Munde führen mochte. Pfordten war klug genug, sich den Verhält-nissen anzupassen und einer herrschenden Richtung scheinbar in aufrichtiger Gesinnungnachzugeben, mit der geheimen Hoffnung, ihrer später doch Herr zu werden und dannseine Ansichten zur Geltung zu bringen; Oberländer dagegen ließ sich wirklich in voll-ster Hingebung von der Bewegung leiten, so zwar, daß er nicht einmal Widerstands-kraft genug behielt, um von derselben Das auszuscheiden, was ihr selbst verderblichwerden mußte. Eine gleich vertrauensvolle und gutmüthige Hingebung machte ihnaber auch von seinem, ihm an Geist und Klugheit weit überlegenen Kollegen abhä'n-§ Zig. Seinerseits gänzlich ohne Falsch und Mistrauen, hielt er den, seinem innerstenKerne nach aristokratischen Pfordten für einen so guten Demokraten und Freunddes Volks, wie er selbst war, lediglich weil Jener es sagte. Braun, ein braverCharakter, aber etwas juristisch steif und langsam in den Geschäften, dazu meist kränk-lich,. verfiel dadurch gleichfalls der Herrschaft Pfordten's, des in Wort und Schriftallzeit fertigen und gewandten Arbeiters. Georg!, nebst Pfordten der feinste Kopf imMinisterium, dabei von aufrichtiger und wohlwollender Gesinnung, stand der Pfordten'-schen Richtung durch seine eigene etwas ängstliche Auffassung der Verhältnisse näherals die Übrigen. So beherrschte Pfordten im Grunde das ganze Cabinet, dem erüberdies, wenigstens in der ersten Zeit, als Hauptstütze beim Hofe diente, wie Ober-länder nach der andern Seite beim Volke.

Ob Pfordten seine Ernennung zum Minister einem Einflüsse bei Hofe zu dan-ken hatte, der sich ihm wegen seiner bairischen Abstammung zuwandte, oder nur derinstinktiven Scheu des Königs vor einem lediglich aus bürgerlichen und parlamenta-rischen Elementen zusammengesetzten Ministerium, dem durch die Berufung eines Ge-lehrten und frühern Beamten eine wenigstens einigermaßen aristokratische und dertraditionellen Sitte homogene Beimischung gegeben werden sollte, läßt sich schwer be-stimmen. Gewiß ist aber, daß Pfordten's Führung der auswärtigen AngelegenheitenUnd sein Verfahren in der deutschen Frage jenem Einfluß bedeutend Vorschub ge-leistet und sowol zu den aus der versagten Anerkennung der Reichsverfassung her-vovgegangenen unglücklichen Verwickelungen, als auch zu der spätern östreichisch-bai-rischen Politik Sachsens mit allen ihren traurigen Folgen nach außen utid innen denbesten Grund gelegt hat.

Es ist zu beklagen, daß das Mä'rzministerium seine schöne, aber freilich sehr^ schwierige Aufgabe nicht so vollständig zu lösen vermocht hat, als dies theils um deruä'chsten Folgen willen, theils aber auch im Interesse der parlamentarischen Regierung,*wt der hier zum ersten mal in Sachsen der Versuch gemacht ward, zu wünschengewesen wäre. Aber es würde unrecht und undankbar sein, wollte man den Man-Aeur, welche aufrichtig die Begründung eines bessern Zustandes für Sachsen er-strebten, das theilweise Mißlingen dieser Bestrebungen ausschließlich zum DorwurfSachen, d§- dieses Resultat doch großentheils in äußern Verhältnissen, in den un-säglichen Schwierigkeiten ihrer Lage, in den Sünden des frühern Systems, endlich