632 Die Engtander und Russen in Persien und Mittelasien.
Großbritannien selbst die eigenen Unterthanen gegen den Schah aufzureizen, worüberdieser mit vollem Rechte Beschwerde führte.
Persien fügt sich den englischen Bedingungen.
Dem Schah blieb nun keine Wahl; mit England es zum Äußersten kommenzu lassen wäre Wahnsinn gewesen. Er zog von Herat ab und erklärte seinem Volkein einem offenem Ferman, daß die Drohungen Englands und dessen kriegerische Be-wegungen im Persischen Meerbusen ihn zu diesem Rückzüge, „als Herat nur nochdem Namen nach existier und Kamran blos auf nackte Walle angewiesen war", be-wogen hätten. Es war dies freilich eine harte Lehre für die „Zuflucht des Weltalls".Man fühlte, daß selbst der Schein der Unabhängigkeit nur durch unbedingte Nach-giebigkeit in den Willen der beiden christlichen Großmächte behauptet werden könnte,und doch blieb Muhammed kaum der Muth, sich hierüber zu beschweren. All unserThun und Handeln, klagte der persische Minister, war den dreien Verträgen gemäß,die wir mit England abgeschlossen haben; heißt es denn hierin nicht ausdrücklich, ihrwerdet an den Zwisten zwischen Persien und den Afghanen keinen Antheil nehmen?Wir zogen gegen Herat, um unsere Gefangenen, unser geraubtes Gut zurückzuver-langen; ihr seid nicht zufrieden hiermit und handelt den Verträgen zuwider. Wolan,wir kehren zurück; es ist doch aber erlaubt, hierüber sehr zu erstaunen; denn es istganz außerordentlich, daß Fürsten so augenscheinlich, so geradezu gegen die Ver-träge handeln.
Mit dieser Demüthigung der Majestät Irans und Anirans waren aber dieneuen Römer keineswegs zufrieden. Auch die andern Foderungen, welche M'Neitgestellt hatte, sollten erfüllt, Ghorian dem Fürsten von Herat zurückgegeben und diepersischen Garnisonen aus Farrah, Sebsawar und Churruh zurückgezogen werden.Selbst die Drohung Persiens, wenn England unerbittlich sei, werde man mit einemandern europäischen Staate sich verbinden, blieb ohne allen Erfolg. M'Neil kehrtenicht an den Hof zurück. Vergebens entgegnete der Schah, Ghorian gehöre nichtzu Afghanistan; es sei das Fort durch Muhammed-Khan-Kerrai von Turbut erbautund später erst von den Afghanen erobert worden, welche dem Statthalter von Cho-rasan versprochen hätten, dafür die Abgaben zu entrichten. Es war dies Alles ver-gebens; denn Ghorian ist wegen seiner Lage fast ebenso wichtig wie Herat selbst.Es liegt dieser Orr 40 englische Meilen westlich von Herat; die Gegend zwischen denbeiden Städten ist außerordentlich fruchtbar, während das Land westlich und nord-westlich von Ghorian auf mehre Tagereisen weit eine öde Wüste ist. Die Perserwürden daher, wenn sie eine starke Besatzung in Ghorian hätten, die ganze Gemar-kung von Herat beherrschen und könnten im Fall eines Kriegs die Einwohner letztererStadt an der Bebauung ihrer Ländereien hindern; von Ghorian aus hätte der Schahtreffliche Gelegenheit, in Herat zu intriguiren und ganz Afghanistan aufzuregen. So-lange man ihm also diesen Ort läßt, wird er nie die Hoffnung aufgeben, mit der Zeitauch Herats sich zu bemeistern und selbst in Afghanistan festen Fuß zu fassen. Diehülflose Regierung versuchte vergebens, durch unmittelbare Unterhandlungen mit dembritischen Ministerium, eine Milderung der harten Bedingnisse zu erhalten, unter wel-chen England die alten freundschaftlichen Verbindungen wiederherstellen wolle. AmEnde mußte sie sich unbedingt unterwerfen und Alles gewähren, was die gebietendenHerren, Lord Palmerston und M'Neil, verlangten.
Die persische Regierung schickte einen gewissen Husain-Khan, der wegen seinerausschweifenden Lebensweise allgemein verachtet war in der Heimat, nach London, umder Königin von England zu ihrer Thronbesteigung Glück zu wünschen; zu gleicherZeit sollte der Gesandte über die obschwebenden Zwistigkeiten unmittelbar mit demenglischen Ministerium unterhandeln. Es ward aber Husain bereits vor seiner Ab-reise, dann durch die Botschafter Großbritanniens zu Wien und Paris bedeutet, daß" erst dann in officieller Weise empfangen werden könne, wenn seine Regierung inallen Stücken sich den Foderungen Englands gefügt haben würde. Umsonst hat der