Die Engliinder und Russen in Persien und Mittelasien. 637
Staaten so selten, der Sold regelmäßig ausbezahlt wurde. Die Unordnungen, welchedessenungeachtet von Zeit zu Zeit vorfielen, und die Verbrechen, die begangen wurden,müssen nicht dem wackern Emir, sondern dem zügellosen Volke, der Habsucht derClan- und Stammhäuptlinge zugeschrieben werden. Es ist buchstäblich wahr, wasDost-Muhammed nach seiner Gefangennehmung den Engländern sagte: Es habeihm die Macht gemangelt, eine gesetzliche Regierung im Lande einzurichten.
Unter solchen Umständen erhob sich das herrliche, fruchtbare Land nach den vie-len Jahren der Verwüstung schnell wieder zu neuer Blüte empor. Die Kaufleute,welche, was äußerst selten zur Zeit der Durani-Könige der Fall war, mit vollständiger> Sicherheit von dem einen Ende des Fürstenthums bis zum andern reisen konnten,strömten in Menge nach Kabal. Das Basar zu Kabal ward mit allen Stoffen desMorgen- und Abendlandes versehen und eines der reichsten in Asien. Es mochte
die Stadt damals eine Bevölkerung von ungefähr 60000 Seelen enthalten. Die
Zollerträgnisse vermehrten sich in wenigen Jahren so, daß sie dem Emir jährlich einenreinen Ertrag von 200000 Gulden leichten Geldes abwarfen; das ganze Einkommensoll sich auf ungefähr zwei Millionen Gulden belaufen haben. Der Baraksi-Häuptling! stand überdies, weil seine Mutter eine Perserin war, sehr gut mit den zahlreichen und
i kriegerischen Kisilbasch seines Landes; er hatte, um sich ihrer Neigung ganz zu ver-
sichern, selbst ihre Sprache, das Türkische, erlernt. Der Fürst war aber von seinenBrüdern, den Herren von Kandahar und Peschawer, gemieden und gehaßt; sie muß-! ten nämlich mit Recht befürchten, daß es ihnen in der nächsten Zukunft, gleichwie
1 den andern Brüdern Dschabbar, Sultan Muhammed und Muhammed Siman, er-
sehen, daß auch ihre Herrschaften mit dem Fürstenthum Kabal vereinigt würden.
Dost-Muhammed schien aber hieran vor der Hand nicht zu denken. Als eifri-ger Muselman suchte er vor allein den Sikh ihre Eroberungen auf der westli-chen Seite des Indus, namentlich Peschawer, zu entreißen und die gedrückten Glau-bensgenossen aus dem schweren Joche des Ranadschit zu befreien. Zu diesem End-zwecke bemühte er sich, sobald er in Kabal festsaß, um die Freundschaft und Mit-wirkung der indischen Regierung. Alle Engländer, die jetzt Kabal besuchten, worunterMoorcroft wol einer der Ersten war, wurden mit der größten Zuvorkommenheit auf-! genommen. Dost-Muhammed sprach übrigens unverhohlen über seinen Plan, die ganzeDrrrani-Monarchie unter seinem Scepter vereinigen zu wollen. Er fragte Burnes ge-radezu, ob wol England seine Dienste zur Vernichtung Ranadschit Singh's anneh-men möchte? In diesem Falle erbot sich der Emir, ein Neiterheer von 12000 Mannaufzustellen, mit einem Artilleriepark von 20 Kanonen versehen.
Die indische Regierung hielt es aber aus staatlichen Gründen für angemessen,diese Anerbietungen zurückzuweisen. Sie hatte sich über Ranadschit nicht zu beklagen;Derselbe fügte sich allen ihren Wünschen. Auch konnte sie mit ziemlicher Wahr-scheinlichkeit annehmen, daß das Reich des Mccharadschah nach seinem Tode in Ver-wirrung gerathen und dann eine Beute der benachbarten Gebieter sein werde. Injedem Falle fühlte sie sich stark genug, der Herrschaft der Sikh, wenn es nothwendigwürde, im Augenblick ein Ende zu machen. Von dieser Seite hatte also Großbri-tannien nichts zu fürchten. Im Gegentheil konnte man aber das Emporkommen unddie Befestigung einer großen, starken Monarchie des Islam an den Grenzen IndiensMrr höchst ungern sehen; man mußte sogar auf die Plane und das Getriebe des' ^araksi mit einer Art Besorgniß Hinblicken.
Dost-Muhammed wollte seinerseits den Islam als Mittel zur Erreichung seinerPlane benutzen; er suchte die Mullah zu gewinnen und das Volk, welches mit Stolz§uf ihn blickte, zu sanatisiren. Er legte sich den Titel Emir bei, welcher an dieKalifen erinnert und ursprünglich eine religiöse Bedeutung hatte; selbst das Wort^hasi ward hinzugefügt, wodurch er seinen Entschluß erklärte, die Ungläubigen bisw den Tod zu bekämpfen. Seine geistige Spannkraft ward immer größer und seinePlane umfassender. Dessenungeachtet war sich der einsichtvolle Mann bewußt, erallein sei zur Ausführung dieser umfassenden Unternehmungen zu schwach und be-