Band 
Fünfter Band.
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Die Märzkatastrophe in Ostreich. 695

sen Losung von Lippe zu Lippe geht. So war es hier! Die Tag für Tag sichwiederholenden Berichte der öffentlichen Blätter hatten die Bevölkerung, bis auf-stäche Land hinaus, mit Begriff und Wirkung von Petitionen, Adressen, Volksver-sammlungen vertrautgemacht. In den großen Städten drängte man sich in-allenöffentlichen Orten, um die Zeitungen vorlesen zu hören, und die fallenden Worteübersprangen ohne Scheu jede bisher bestandene Schranke. Man verstand sich ohneVerabredung; die verwandten politischen Elemente schössen von selbst zusammen undbildeten unsichtbare Körper, noch ehe Absicht oder Zufall einzelner Führer ihnen be-stimmte Gestalt gab. Das überströmende politische Fluidum ballte sich, gleich demelektrischen, von selbst um jeden Gegenstand, der ihm eine Spitze bot. Man wußte,daß der Zusammentritt mehrer Ständeversammlungen für den Frühling bevorstand,und daß ihre Führer willens waren, die Gunst des Augenblicks für ihre altenAnsprüche.zu benutzen. Die Mitglieder der böhmischen Ständeopposition hatten so-gleich im Februar Schritte gethan, um die Zusammenberufung zu beschleunigen. DieBerufung der niederöstreichischen Stände aber, ursprünglich auf den 24. März beab-sichtigt, war für den 13. März festgestellt worden, und die Oppositionßmitgliederhatten es kein Hehl, daß der ständische Ausschuß Anträge ernster und volkstümli-cher Art für diesen Tag vorbereite. Damit war den schwankenden Wünschen undHoffnungen ein bestimmter Anhalt in Zeit und Form gegeben, und als Folge machtesich geltend, daß die mittelalterlich aristokratische Corporation des kleinsten ErblandeSin eine Höhe und Wichtigkeit gerückt wurde, auf die sie in keiner Art Ansprüchehatte. Der Mensch braucht für gewisse letzte Entscheidungen immer einen mystischenHaltpunkt, und die Volkszuversicht machte den 13. März zu einem Loostag, an demdas Jericho des alten Systems unter den Posaunenstimmen der neuen Zeit einstür-M würde. Wie? darüber waren sich die Meisten unklar; sie glaubten ohne zufragen. Die Unbestimmtheit dieser Erwartungen, die allgemeine Spannung äußerte sichnamentlich in Wien, in ungeheuerlichen Gerüchten und in jenen prophetischen Aus-brüchen, mit denen die erregte Volksphantasie großen Wendungen vorauszugehenpflegt. Man erzählte sich von Druckern, die in der Staatsdruckerei eingeschlossenseien, um eine Constitution zu drucken, mit der man Östreich überraschen wolle. Manbehauptete zu wissen, daß der niederöstreichische Ständeausschuß Beschlüsse und Ver-öffentlichungen vorbereitet habe, die die Stände bei ihrem Zusammentritte mit Accla-Marion annehmen und die Alles übertreffen würden, was man von ihnen erwartet.In den ersten Tagen des März war an einem öffentlichen Gebäude Wiens ein Zet-tel angeschlagen, der die Verkündigung der Constitution in Wien für die zweiteHälfte des März voraussagte. Drohende Placate wurden immer wieder in derNähe der Metternich'schen Villa angeschlagen.

Auf der andern Seite kam von Ungarn her der Anstoß zu bestimmtem, unmit-telbarem Handeln. Die Nachricht von der Februarrevolution zeigte den ungarischenPatrioten mit einem mal den Weg zu ihrem Ideal geöffnet, und sie eilten in schnellsich verstärkenden Reihen vorwärts. Vergebens hatte die Regierung im letzten Au-genblick den Sturm zu beschwichtigen gesucht, durch eine Erklärung, worin sie demPrincip nach jene so gewaltsam angestrebte Umgestaltung des Obergespaninstitutsaufgab, und sich nur für den faktischen Bedarf und Bestand dehnbare Ausnahmenvorbehielt. Die Wichtigkeit des Moments, der Mangel an Vertrauen zu „AllemUnd Jedem, was von Wien kam, überwog jede andere Rücksicht. Durch die Überge-walt der Situation wiederholte sich eine der wunderbarsten parlamentarischen Scenendes Jahres 1789, wenn auch nach Personen und Umständen verändert.*) Mansah Somsich, den Statthalrereirath, den langbewährten treuen Kämpfer der Regie-rung, eine Stunde lang in begeisterter Rede sich allen Klagen und Vorwürfen der

*) Nämlich jene Scene in der Nationalversammlung Frankreichs, wo der dem Hofe bereit-verbündete Mirabeau durch die Albernheit seiner neuen Bundesgenossen so außer sich kam,daß er ihnen jenes berühmte: „Still, ihr zwanzig Stimmen!" zudonnerte.