Band 
Fünfter Band.
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Die Märzkatastrophe in Östreich. 715

die Generalität versammelt. Er erkannte unter ihnen den unter seinem Bruder Al-brecht commandirenden Erzherzog Wilhelm, und beschwor ihn, das Vergießen vonBürgerblut durch augenblickliches Einschreiten der Bürgergarde zu verhindern. Derjunge Fürst gab der Bitte nach, und eilte zu seinem Bruder, um den Befehl zuveranlassen. Doch vergebens! Er kehrte nach langem, schmerzlichem Erwartenmit der Versicherung zurück: er könne nichts thun; und ehe Dr. Engel noch zurück-gekehrt, ließ sich schon die erste Charge vom Landhause her hören. Ein Offizierder Pionniere, der von einem herabfliegenden Holzstück getroffen, obwol nicht verletztwar, hatte Feuer commandirt, und ließ nun seine Mannschaft wieder schußbereitvorrücken. Die Schusse waren glücklicherweise größtentheils gegen die Fenster desLandhauses gerichtet gewesen, und hatten Niemand getroffen. Die Salve wirktealso, nach sehr natürlichen psychologischen Gesetzen, mehr auf den Trotz und Eigen-willen der Menge als auf ihre Furcht oder Rachsucht. Einen Augenblick ausein-andergesprengt, folgte die Masse im nächsten den Bemühungen einiger Entschlossenen,die zum Stehenbleiben auffoderten, und wiederholte ihre lärmenden, doch harmlosenProtestationen gegen die militairische Einmischung. Ja, so eigenthümlich stach nochder humoristisch-frivole Grundzug des wiener Charakters hervor, daß lautes Gelächterausbrach, als ein in der Schußlinie der Pionniere Niedergestürzter auf allen Vierenwegkroch, um ja in der gewöhnlichen Kugelhöhe zu bleiben. Da kam der Erzherzogselbst mit seinem Gefolge zu Pferde. Obwol er nie beliebt gewesen, hatte man ihndoch auf dem Wege mit Vivats empfangen, die er mit dem trockenen „Nachhause-schicken" erwiderte. Auch hier geschah Dasselbe: der Löwe, der in der Brust jedesVolks schlummert, schwankte noch zwischen Drohung und schmeichelnder Bitte.Aber die Unterscheidung zwischen dem Kaisersohn und dem militairischen Gewalthaberwar zu fein, als daß sie dieser Letztere verstanden hätte. Eine verächtliche Äußerungwar die Antwort. Das entschied im Nu. Die Hände der zunächst Stehenden grif-fen nach Allem, was sich als Waffe brauchen ließ: Trümmer von Möbeln undSteinplatten flogen auf die Truppen, die Generale und den Erzherzog selbst. DieAntwort war der Blitz zweier Salven in das dichteste Gedräng. Es ist vielfachbestritten worden, daß der Erzherzog selbst diesen Befehl gegeben. Uns scheint esgleichviel. Es waren nur zwei Jahre vorher von ihm die geschärften Maßregelngegen die an einer Wache vorübergehenden Raucher ausgegangen, in Folge derenein Posten auf einen entfliehenden Raucher gefeuert und einen Unschuldigen ver-wundet hatte. Der Erzherzog hatte diesen Soldaten belohnt und belobt. Bei diesenbeiden letzten Salven war besser gezielt worden. Fünf Leichen bedeckten sogleich daSPflaster, unter ihnen der jugendliche jüdische Techniker Spitzer, von dem die „Ge-nesis " behauptet, ein Säbelhieb habe ihn getroffen, als er sich eines CavaleriepferdeSbemächtigen wollte, um das Volk besser zu haranguiren. Für diesen Fall leistetwenigstens der amtliche Todtenzettel Gewähr gegen jene aristokratisch-staatsräthlichenRegionen, in denen man die Wahrheit nur aus Noth oder Vortheil sagt. Von denübrigen, verschiedenen bürgerlichen Gewerben angehörigen Opfern war einer ein Greisnüt langen weißen Haaren. Selbst der zahlreichen Verwundeten wurde nicht ge-schont; ein Pionnier ereilte und tödtete einen von ihnen mit dem Bayonnet, ehewan ihn fortschleppen konnte. Der Verfasser der „Genesis" hat ganz Recht, wenner nicht aus dem ihm wol fremden Mitleid, sondern aus politischen Gründen sich sounmuthig bedauernd über diese Tödtungen ausspricht. Von allen Anlässen der Un-zufriedenheit war es gewiß diese brutale und zwecklose Metzelei gegen Wehrlose, welchedie Bevölkerung zu einstimmiger Empörung vereinigte; und vielleicht hätten schon dieEreignisse des Abends ohne sie einen andern Gang genommen. Für den Augenblickerhielt freilich der soldatische Stolz seinen Willen. Die waffenlose, vom erstenschrecken betäubte Menge stob nach allen Richtungen auseinander und leerte denRaum vor dem Landhaus und die nächsten Gassen aufs schnellste. Als die imLandhaus Gebliebenen herabstürzten, fanden sie nur noch das Militair und die Lei-chen. Sie wuschen diese an dem Brunnen, und traten dann vor die im Landhause