Die Engländer und Russen in Persien nnd Mittelasien. 671
Stimme Großbritanniens gestattete nicht, daß man sie in den Händen der Afghanenließ. Die Presse und das Parlament verlangten überdies, die Schmach der eng-lischen Waffen solle in dem Blute der Afghanen abgewaschen werden und die Heerealsbald gegen Kabal vorrücken. Eine Weisung dieses Inhalts erging ohne Zweifel(in der gedruckten amtlichen Korrespondenz ist sie nicht zu finden) gegen Ende Junioder im Beginn des folgenden Monats an die indische Regierung; denn jetzt wardNott gestattet, den Rückzug von Kandahar über Ghasnah, Kabal und Dschelalabadanzutreten — unter solch einem sophistischen Wortspiele suchte Lord EUenborough seineNiederlage zu verbergen. Wer möchte jemals eine Vorwärtsbewegung von Kandaharüber Ghasnah nach Kabal einen Rückzug nach Hindostan nennen? Doch schienendlich auch der Statthalter die Vortheile und Eindrücke zu würdigen, welche eineglückliche Unternehmung gegen Kabal auf die Soldaten, auf Indien und Europaäußern würde. Zu Ghasnah und Kabal, ward befohlen, möge der Feldherr ge-wichtige Denkzeichen der britischen Macht zurücklassen, ohne jedoch die Menschlichkeitzu beleidigen. Von dem Grabmale Mahmud's, des Ghasnavidtn, solle Nott dessenKeule, die über dem Grabe hänge, sowie die Thore von Somnath mitbringen: diesseien die gerechten Siegeszeichen des erfolgreichen Zugs. Auch Pvllock erhielt nundie Erlaubniß, sobald alles Heergeräthe eingetroffen sei, sich nach jeder beliebigenRichtung zu wenden, oder, was der eigentliche Sinn dieser zweideutigen Worte war,seinem Wunsche zu folgen und gegen Akber vorzurücken. Die Aufgabe des vereinig-ten Heeres sei es, an den Plätzen die Macht der Briten zu entfalten, wo man vorkurzem sehr bedeutende Verluste erlitten habe; dann die Afghanen wegen des Ver-§ raths zu züchtigen, ihnen die Kanonen, Fahnen und Gefangenen, sowie alle andereBeute abzunehmen.
Ein großer Theil des Kandaharheercs ging durch den Bolanpaß nach Sindhzurück. General Nott zog mit 6—7000 Mann Kerntruppcn hinauf gegen Ghasnah,schlug mit leichter Mühe allen Widerstand nieder und besetzte (6. Sept. 1842) dieStadt. Mehre Tage dauerte hier wie an andern Orten die furchtbare aber gerechteVergeltung; alle Zerstörungsmittel, welche die Elemente und die Civilisation darbieten,Kurden angewendet, um die einst so blühende Stadt des Sohns Scbekdcgin's vonErund aiktz zu vernichten. Man zerstörte die Burg, die Wälle wurden an vielenstellen durch Minen gesprengt und die Thore sowie die vorzüglichsten Gebäude inBrand gesteckt. Jede lebende Seele, Männer, Weiber und Kinder wären, waSsicherlich »»gegründet, nach den Berichten der Afghanen der Rache geopfert worden,^uch Pollock verließ seine Standquartiere, schlug die Gildschi und alle Afghanen un-ndn Gandamak und bei Tesin, wo Akber selbst (13. Sept.) an der Spitze von16000 Mann ihm entgegentrat. Drei Tage später ward die englische Flagge noch-mals auf dem höchsten Punkte, auf der obern Burg Kabals erhoben, während die^«sik den Nationalgesang „Gott erhalte die Königin" spielte und unter dem drei-maligen Gejauchze der Truppen ein Kanonengruß erschallte. Mit solcher VorsichtMsd Übereinstimmung wurden die Bewegungen der Heere geleitet, daß beide Führer°°u>ahe an demselben Tage vor Kabal eintrafen.
Jetzt galt es die Gefangenen zu befreien, welche zum großen Theil, wie Akberkohlen, auf dem Wege nach Bhamian waren, um von hieraus über den HindokuschMich Bochara gebracht, und dort höchst wahrscheinlich als Sklaven verkauft oder er-, ^°*öet zu werden. Die gefangenen Briten hatten im Ganzen genommen keinen^m>nd, sich über Mißhandlungen zn beklagen. Es ist wahr, die Frauen namentlich.Mßten Vieles entbehren, was aber mehr in den Verhältnissen des Landes lag als^ dem Willen ihrer Gebieter. Denn die Begriffe von Ordnung und Bequemlichkeitgemeinsten englischen Landmanns überragen beiweitcm die des mächtigsten Häupt-.^8s der Pnschtaneh. Sonderbar! Diese mohammedanischen Bergbewohner fühlen,hM Widerspruch mit ihrem Glauben und ihrem Lande, auch nicht im entferntesten^ Bedürfniß der Reinlichkeit; sie konnten es sich nicht erklären, warum die Eng-"°tr sich so häufig wuschen, und waren nur mit Mühe zu bewegen, ihnen das