Band 
Siebenter Band.
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12 Das neue deutsche Drama.

dessen künstlerischer Organismus in allen Gliedern die Einheit des Gedankens tragt.Die Charaktere haben plastische Sicherheit und Rundung; die Situationen entwickelnsich mit innerer Nothwendigkeit in fortschreitender Handlung; die Bühnentechnik istmit Glück berücksichtigt; der Grundgedanke tief aus den Interessen der Gegenwartgeschöpft. „Maria Magdalena" ist die Tragödie der bürgerlichen Ehre, welche inkühner Dialektik sich nach allen Seiten hin erschöpfend zum tragischen Abschlüssedurchführt. Der Tischlermeister Anton vertritt die Starrheit des Princips in derForm des unbeugsamen Ehrgefühls. Clara ist die Magdalena, die nicht bereut, dienicht selbst Buße thut, sondern an der das Schicksal die Buße vollzieht. Man hates dem Dichter zum Vorwurf gemacht, daß Clara nicht aus Leidenschaft zum Fallkommt, sondern aus einem niedern Motive der Berechnung. Doch Hebbel sucht inseiner dramatischen Kasuistik den einzelnen Fall so schroff als möglich hinzustellen,damit das Princip um so schärfer hervortritt. Er schmälert zwar dadurch das In-teresse an der Heldin; doch seine Personen, so lebenskräftig sie sein mögen, sind nurdie Soldaten, mit denen der Feldherr operirt und die er seinen Planen opfert. Ohnedieses Geheimniß der idealen Taktik ist Hebbel überhaupt nicht zu verstehen; sowieder Mangel an Liebe für die eigenen Gestalten sich dadurch bestraft, daß sie selbstauch bei Andern keine Liebe für sich zu erwecken im Stande sind. Die bürgerlicheEhre, die Meinung der Welt, ist das Fatum in diesem Drama, ein Fatum, demdas frische Leben und sein Recht geopfert wird. Die bürgerliche Ehre verlangt min-destens den Schein — um ihn zu retten, gehen Alle unter. Clara verlangt, daßLeonhard sie heiralhet, ohne Liebe, nur um der Ehre willen; der Secretär duellirtsich mit Leonhard um der Ehre willen, „weil darüber kein Mann hinaus kann",weil er sich vor der Welt schämen muß, so lange der Verführer lebt. Und dieserSecretär ist der moderne Mensch des Stücks, um den die Poesie des Lebens schwebt;auch er fällt als Opfer dieses Scheins, den er sterbend verdammt. Clara mordetsich und das Leben, das sie im Schoose trägt — um dieser Meinung der Welt,dieses Scheins willen. Bis in den kleinsten und feinsten Zug hinein ist diese Ver-wüstung des frischen Lebens gemalt, wie sie ein todter Begriff, der zur Alleinherr-schaft gelangt, an den Lebenden vollzieht. Doch indem dieser Begriff der Ehre derMenge als unumstößlich gilt und hier seine innere Unwahrheit an der Vernichtung,die sein Werk ist, nachgewiesen wird: erhält die Tragödie eine oppositionelle Bedeu-tung und wird zu einem Fehdehandschuh, welcher der jetzigen Gesellschaft zugeworfenwird. Dabei ruht über dem ganzen Werke die Enge und Schwüle kleinbürgerlicherVerhältnisse. Man sehnt sich hinaus aus diesem Drucke, der in der Gestalt dumpferund enger Begriffe über dem Leben lastet, hinaus, wie Karl, dessen Sehnsucht nachdem freien Meere, nach dem fessellosen Leben im letzten Acte von eigenthümlich er-greifender Wirkung ist. Deshalb ist der Effect des Stücks niederdrückend und zer-schmetternd; es ist kein freier Schlachtentod darin; die Opfer fallen, wie verschüttetvon morschem Gemäuer, an dem sie gerüttelt. „Maria Magdalena" ist ein Kunst-werk, der Gipfelpunkt der Hebbel'schcn Poesie, von dem sie herabsteigend nimmerdie Lorbcrn verlieren kann.

Der Tragödie des Scheins folgte die Komödie des Scheins: „Der Diamant";doch hier war ein entschiedener Rückfall in die Romantik. Der Schein in „MariaMagdalena" ist nur der Reflex feststehender Begriffe und Meinungen, welche dieMenschen knechten; mit ihrer Auflösung wird er selbst aufgelöst: das ist die Ver-söhnung, die über dem Opfer schwebt, welche die Zukunft erfüllen wird. Im „Dia-mant" ist der Schein ein absoluter:

Ich seh' an einem Edelstein

Der ird'schen Lebens leeren Schein,

Und alle Nichtigkeit der Welt

Phantastisch-lustig dargestellt.

Die Welt ist eine Welt des Scheins — nichts steht fest als der Humor, als dieWillkür de- Ichs, die sie auf den Kopf stellt. Das ist die Ironie der Romantik!