Band 
Siebenter Band.
Seite
21
JPEG-Download
 

' Das neue deutsche Drama. 21

Hauptfehler dieser Tragödie ist der Mangel an dramatischer Kraft, welche die Ein-hcit der Cellisten festzuhalten versteht. Das geschichtliche Beiwerk überwuchert denGrundconflict des Drama; halbe Acte werden der Jnsinuirung von Hof- und WtaatS-actionen gewidmet, die bei aller theatralischen Lebendigkeit des drmnatiAen Haltsentbehren. So wird denn auch der eigentliche Conflict zerfasert. Der Dichter hatnicht den Muth, seiner Heldin die ganze Schuld aufznbürden; er theilt die Schuldzwischen ihr und Lara, und mit der Schuld das Interesse und den dramatischenEffect. Indem Cäcilie das Übersenden des Rings nur zuläßt, steht sie ganz passivda; sie geht nirgend über die Lyrik des Gefühls hinaus- Die Scharfe des Gegen-sahe« hätte ihre Rückkehr zu Otto im letzten Acte wirksam gemacht, so aber ist ihrEffect nach halber Trennung nur ein halber. Cäcilie kommt wie ein elegischerSchatten, um zu sterben! Ebenso ist die dramatische Entwickelung Ottos mangel-haft: gerade sein Abwenden von Cäcilien ist nur angedeutet, nur skizzirt, wahrendman hier die tiefste Motivirung seines innern Kampfes erwarten durfte. Kurz, wirsehen zu sehr den Kampf zwischen Wels und Staufen, den wir aus RäumersWerke kennen, statt des Kampfes in Kopf und Herzen, den uns der Dichter vor-führen soll. Überdies reicht die Diktion bei weitem nicht an die Frische, den Schwung,die Pracht der Deborah-Verse: sie ist reich an trivialen, auf den Kothurn hinaufge-peirschten Gedanken. Mosenthal's Talent ermangelt noch der künstlerischen Beherr-schung des Terrain, um Großes zu schaffen: es muß sich aus dieser Mosaik vonEpisoden zum künstlerischen Organismus durcharbeiten. .. .

Ein anderer jüngerer Dichter, Feodor Wehl, war bisher unglücklich rn derWahl seiner Tragödienstvffe und konnte deshalb sein im Lustspiel anerkanntes Talenthier weniger zur Geltung bringen. Seine Tragödie „Hermann von Siebcneichcn",läßt in den engen Rahmen eines anekdotischen Stoffs große geschichtliche GegensatzeHineinspielen. E« ist eine markige Charakteristik in diesem Stücke: Friedrich Bar-barossa ist mit wenigen Zügen in historischer Größe gezeichnet. Die Diction hatKraftdoch ist sie nicht ohne Gewaltsamkeit, nicht ohne Nachahmung Shakspcarc-scher Uberschwänglichkeiten. Diese Tragödie der deutschen Treue und Aufopferung,so rührend sie an und für sich ist, konnte in einer Zeit keinen Anklang finden, mwelcher die Caricatur dieser Tugenden auf allen Märkten feilgeboten wird. Semzweites Drama „Ein blonde» Haar" (später „Gräfin Colonna"), leidet an der no-vellistischen Sprödigkeit deS Stoffs, welche, trotz aller Bühnengewandtheit, nicht bc-zwungen werden konnte. Auch ist der Conversalionston zu breit, indem die Parat-lelismrn der Diction, nach dem Muster hebräischer Poesie und dem theilwcisen Vor-gänge Lessing'r, durch stete -Wiederkehr ermüden. Dieses auf den Zufall gebauteJntriguenstück hat indessen viel Einfachheit, Klarheit und Würde in der Charakter-zeichnung, und zeugt von dem Talente Wehl's, Menschen zu schaffen, nicht hohleFiguren, welche blos dir Trompeten des Autors sind. Sein neuestes dran,arischesGedicht: „HLlderlin's Liebe", ist reicher an lyrischen Schönheiten als seine frühernWerke, und trägt den milden Hauch Gvethe'scher Grazie in Komposition und Der-sen. Doch sind die dramatischen Pointen zu sehr verwischt, zu tief unter der ge-schmackvollen Toilette dieser Verse versteckt.

""ist an geschichtlichen Stoffen sich versuchender Dramatiker ist HanSKofler, dem er indessen bisher noch nicht gelungen, seinen Dramen künstlerischeRundung zu geben. Sie greifen weder dramatisch noch scenisch ineinander. DieVerse sind oft schroff und hart, trotz der langathmigen Stanzen, in denen die Mo-Mögt und Gefühlsergüsse seiner Helden und Heldinnen schwelgen. Diese breiteLyrik wird oft, wie ein Teppich, über die Scene gebreitet, auf dem seine Heldenspazieren gehen und selbst den Chorus ihrer Tragödie bilden. Die in der Regelnicht melodischen und schwunghaften Stanzen sind, nebst der scenischen Verworren-heit, die Schattenseiten der Köster'schen Poesie. Dagegen zeichnet sie sich oft durchcharakteristische Kraft und Lebendigkeit der Action aus. Von seinen frühern Stucken,„Maria Stuart", „Kvnradin", „Luisa Amidei", „Polo und Francesco", tst das