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Siebenter Band.
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Das neue deutsche Drama.

Drama schwach und sein poetischer Werth tief unter der Bedeutung deS „Orla" ^

steht. Ein anderer königsberger Dichter, Otto Seemann, debutirte mit einem poli- ^

tischen Drama, „Der letzte König", dessen Komposition von Verstand und Einsicht ^ i

zeugt, während die Aufführung zu nüchtern, die Tendenz zu direct und der Hinter-gründ zu farblos ist, um dem geschickten Entwurf zur Geltung zu verhelfen. „Der Sp

Erbförster" von Ludwig ist eine Tragödie, die man eine modern-rafsinirte Zfflan- zzc,

diade nennen könnte. Doch sie zeugt von seltener Kraft der Charakteristik. Beson- St,

der- ist der Erbförster mit seinem unerschütterlichen, formalen Rechtsbewußtsein eine Sa

lebensvolle Gestalt von echtem dramatischen Schrot und Korn. Die glücklich ver- Te>

schlungenen Fäden der Dichtung werden durch eine graste und verletzende Katastrophe Dr>

entwirrt, in welcher der Zufall den Gordischen Knoten mit dem Schwerte zerhaut. ^in

Hier sind auch noch zwei Frauen zu nennen, welche das sociale Drama behandel- Ne>

ten: Elisabeth Sangalli und Elise Schmidt. Erstere, welche in ihren neuesten Versu- §>;chen leider zu sehr einer schlechten Bühnenpraxis huldigt und in den Concessionen anden vulgären Geschmack jedes ideale Element verflüchtigt, begann mit dem Drama: „x„

„Die Macht der Vorurtheile", das von vieler Kraft der Charakteristik, von gro- „U

ßer Bühnengewandthcit und von der Kunst, die Einheit der Collision festzuhalten, und

Zeugniß ablegt. Elise Schmidt ist bisher anonym mit zwei größern dramatischen terr

Dichtungen aufgetreten, dem „Judas Jscharioth", der in Rötscher's „Dramaturgi- ein

scheu Jahrbüchern" mitgetheilt ist, und dem „Genius und die Gesellschaft". „Ju- ist

das Jscharioth" ist eine der genialsten Produktionen der Neuzeit, die, bei aller frag- sisic

mentarischen Haltung, es doch zu einem tiefen dramatischen Abschluß bringt. Die und

Charaktere sind in grandiosen Zügen hingestellt, aber künstlerisch gruppirtp in Aus- den

druck und Situationen bebt die Dichterin vor keiner Kühnheit zurück. Oft sind die ken>

Bilder freilich übertrieben gigantisch: der Gedanke verschwebt in der Maßlosigkeit des Se<

Ausdrucks. Doch wo nicht gesuchte Bizarrerie und Nachahmung des Grabbe'schen gen

und Hebbel'schen Vorbilds mit unterläuft: da ist die Energie der Sprache mit allen und

Sturzbächen der Phantasie wohlthuend, gegenüber dem matten Fluß der Diction in Zw

den ausgegrabenen Kanälen der Jambentragik. Ebenso wohlthuend ist, gegenüber unl

der haltlosen Sentimentalität vieler im lyrischen Dufte aufgelöster Dramenheldinnen, sich

die wilde und üppige Glut bacchantischer Sinnlichkeit, mag sie sich auch zu geschmack- k>ci

losen Übertreibungen steigern. Der Charakter des JudaS mit seiner dämonischen, in Mai

die Tiefe steigenden Skepsis, welche an den Säulen des Himmels rüttelt, fördert dun

einen Gedankenreichthum zu Tage, in welchem sich die ganze Negativität der Zeit den

gewaltig zusammenfaßt. Gegen die Bedeutung dieses Charakters tritt JesuS mit tion

seiner reinen und milden, positiven Offenbarung in den Hintergrund; wie überhaupt kcit

das Trotzige, Harte, Zerrissene mehr der Verfasserin ansteht als die Harmonie, die dan

Reinheit lyrischer Stimmungen, die Accorde des Gemüths. Was ihr fehlt, ist oh«

Maß und Geschmack — ihre Dramen sind Fresken; die großen Züge sind kühn die

und trefflich; doch auch das Kleine will liebevolle Vertiefung. Da „Judas Jscha- gny

noth" gänzlich untheatralisch ist, so schrieb die Verfasserin, um sich die Bühnen zu sche

erobern, das Drama: „Der Genius und die Gesellschaft", das ebenso überschwäng' wel

lich gelobt, wie angegriffen wurde, und in Wahrheit sich mit „JudaS Jscharioth^ sche

nicht messen kann. Der Dichter Byron ist der Held dieses Stücks. Aber seiner arb

Zeichnung fehlt durchweg der poetische Schwung; er ist ein Kind der Gesellschaft, wir Ra

die andern; sein Genius tritt ihr nicht bedeutend genug gegenüber. Der unleugbare tisck

Bühneneffect geht zum Theil aus Situationen hervor, die nicht viel mehr sind als gen

Reminiscenzen aus andern, besonders Gutzkow'schen Stücken. Der letzte Act ist ei" der

schwacher Appendix mit ««nöthigen, grossen Wendungen. Dennoch enthält dieses Du

Drama eine markige Charakteristik und viel Lebendigkeit der Action. Wenn sich her,

Elise Schmidt von der gesuchten Gewaltsamkeit in Ausdruck und Situationen frei' schx

hält, sowie von der starren Hebbel'schen Opposition gegen die berechtigte Lyrik des Ra

Gemüths und eine harmvnisch-versöhnende Gestaltung, so verspricht ihr Talent noch »in,

Bedeutendes für die Zukunft zu leisten.