Die Unästhetischen Mittel. 99
weisbaren größern Verflüssigung des Bluts durch den mittelst der Lunge in denKreislauf aufgenommenen Äther, der erfahrungsgemäß oft viele Stunden und selbstTage braucht, bis er entweder mittelst der ausgeathmeten Luft oder mit dem Harnund Schweiß wieder aus dem Organismus entfernt wird. Endlich beobachtet mannach großer» an Ätherisirten vorgenommenen chirurgischen Operationen noch einzelneandere, gleichfalls aber nicht wünschenswerthe Eigenthümlichkeiten, welche, wenn nichtganz, doch zum größten Theile dem Äther zuzukommen scheinen und dessen allgcmei-nere und ausgedehntere Anwendung erschweren. Hierher gehört das unmittelbar nachder Operation oder auch später sich einstellende Ausstößen und Erbrechen, ähnlich wienach einem gewöhnlichen Rausche; ferner ein kurzer Reizhusten und Nießen, hin undwieder selbst Brustbeschwerden und Blutspeien, welche letztem Erscheinungen indessendoch wol nur die Folgen übertriebener Ätherisation zu sein scheinen. Manche Krankeleiden hinterher auch an einem dumpfen Kopfschmerz, bedeutender Abgeschlagenheit desKörpers und großer Schwermuth — Erscheinungen, die alle nicht blos bei„ä'the»risirten Operirten, sondern auch bei sonst gesunden „Individuen nach reichlicher Äther»einathmung beobachtet werden. Demnach ist der Ätherismus da zu vermeiden, woKrankheiten der Luftwege, Neigung zu Hirnleiden vorhanden sind; ferner, wennBlutandrang nach Kops und Brust stattfindet (somit kein Äther bei Kopfverletzun-gen und der Operation der Trepanation), oder Neigung zu Älutflüssen und großerReizbarkeit der Nerven sich bemerkbar machen; sodann bei Operationen, unter wel-chen das Bestehen des Empfindungsvermögens eine Bedingung zum Gelingen deSÄctS ist (wie bei der Steinzertrümmerung, der Operation deS Bruchschnitts, Luft»röhrenschnitts u. s. w.), oder unter welchen eine Gegenwirkung und willkürliche Mus-kelzusammenziehungen nothwendig sind (wie bei Aussägung des Ober- und Unter-kiefers, Operationen im Hintern Theile der Mundhöhle, Sehnenvurchschneidungen),oder welche durch unvorhergesehene Muskelbewegungen gestört werden können (Ope-rationen der Aneurismen, des Staars, der Pupillenbildung, der Hasenscharte u. s. w.),oder endlich die in ihrer Geringfügigkeit zum Ätherismus in keinem Verhältnisse stehen.
Die zusammengesetzten Ätherarten.
In Folge der erwähnten verschiedenen Misstände nun, welche einen allgemei-nem und unbeschränktem Gebrauch der Athereinathmung nicht gut zulassen, wurdealsbald das Bestreben der Chirurgen darauf gerichtet, ein neues Mittel aufzufin-den, welches solcher Nachtheile möglichst entbehrte, dennoch aber eine ausreichendeAnästhesie zu bewirken im Stande wäre; und so wurden denn nach und nach andereÄtherarten oder mit dem Äther verwandte Flüssigkeiten zu dem in Rede stehendenZwecke versucht. Namentlich war man vorerst von gewisser Seite bemüht, durchExperimente an Thieren wie an Menschen zu ermitteln, ob nicht die zusammenge-setzten Ätherarten, die sogenannten Äthersalzr oder Naphtaarten (jene chemischen Pro-dukte, in welchen der gewöhnliche Äther oder das Äthyloxyd noch mit einer Sauer-stoffsäure vereinigt angetroffen wird, und nach Art der Verbindungen der basischenMetalloxyde mit den Säuren Salze darstellt), mit mehr Vortheil als der reineÄther zur Einathmung und Erzeugung der Anästhesie benutzt werden könnten, ^onden hierher gehörigen chemischen Verbindungen, dem Essig-, Chlorwasserstoff, al«peter- und Kleeäther oder Naphta hat sich indessen nur der Chlorwajstrstoff. oderSalzäther (bestehend au« Chlorwasserstoff und Äthyl und deshalb, auch Chloräthylgenannt) erfahrungsgemäß vor dem gewöhnlich gebräuchlichen Ather ausgezeich-net *), und zwar lischt blos dadurch, daß er, weil viel rascher verdunstend, auch viel
Naphtaarten erwiesen sich dagegen sämmtlich als unbrauchbar, indem si--ntweder d.- gewünschte Narkose gar nicht oder nur nach sehr langer Zeit zu Stande brachten.> ^ z- die Effignaphta), oder well ihre Einathmung noch mit größern Nachtheilen alsdes Äthers verbunden, ja selbst nothwendig todtlich war (wie z. B, die Salpeternaphta).