Die Wissenschaft der Nationalökonomie.
mal in der vorausgeschickten Biographie geseht. Es macht einen wohlthuenden Ein-druck, daß die aus der spätesten Zeit herrührenden Aufzeichnungen der ancrkennungs-bekeiten öffentlichen Meinung durch eine viele Härten ausgleichende Milde des Ur-theils von Seiten des Todten entgegenkommen. Auch ergibt sich aus diesen letztenAufzeichnungen, daß List selbst in der neuesten Zeit theilweise mit Unrecht angegriffenworden ist.
Wenn auch List ein großes Gewicht auf die wirthschastliche Geschichte der Völ-ker legt und einer Darstellung derselben in seinem nationalen System einen großenRaum gönnt, weil er auf sie einen starken Theil seiner Deductionen grüivdct; wenner auch damit vielen seiner nationalökonomischen Gegner gegenüber im Übergewichtwar und die geschichtliche Forschung und Beweisführung in der Volkswirthschaftö-lehre hat begründen helfen: so sind doch die von ihm vorgeführten geschichtlichenErgebnisse durchaus ungeschichtlich, sowol hinsichtlich der speciellen Ausführungenüber einzelne Länder als hinsichtlich der wirthschastlichen Entwickelungsstufen, die eraus der Geschichte der Völker gefunden zu haben meint. Die lebensvolle Mannich-faltigkeit zeigt weder in den geographischen Bedingungen noch in den geschichtlichenEntwickelungen der Nationen ein solches überall gleiches Schema. Daß auch Listdie Gemeinkrast der Staatsgcsellschaft dem Dienste der individuellen Zwecke unter-wirft und die sittliche Tendenz des StaatS übersieht, ist um so mehr auffallend, alser fortwährend die Nationalität im Gegensatz zu dem Individuum betont, und dasökonomische Leben mit den Formen des politischen in eine stetige Wechselwirkungseht. List setzte der schroffen Einseitigkeit, mit welcher (freilich weder von AdamSmith selbst noch von allen seinen Schülern in Deutschland) unbedingte Handels-freiheit gefedert ward, ebenso einseitig seine unbedingte Federung von Schutzzöllen,als ein in jeder geschichtlichen Volkscntwickelung nothwendiges ökonomisches Erzie-hungsmittel, gegenüber, und hat dadurch an sich viel Verwirrung angerichtet undinsbesondere die Anerkennung der relativen, aus den concretcn Verhältnissen in Zeitund Raum hervorgehenden, durch die Natur und die menschlichen, Verhältnisse be-dingten Berechtigung dieser und anderer Formen des wirthschastlichen Güterlebensfür längere Zeit mehr als verzögert. Heftige persönliche Interessen, die nicht beiihm selbst, wol aber bei Vielen aus dem seine Theorie auf hohem Schilde erheben-den Anhängerkrcisc in die Discussion eingeführt wurden, haben die wissenschaftlicheVorbereitung einer allgemein anerkannten Lehre außerordentlich erschwert. Man kannin den Schriften des ununterbrochen rührig-thätigen Mannes Schritt vor Schrittdie Entwickelung seiner Doctrin verfolgen. Es wird außer allen Zweifel geseht, daßseinen vorangehenden und allgemein begründeten Ansichten über die Nothwendigkeitder Schutzzölle seine Lehre von dem System der Productivkräfte, im Gegensatz zumSystem der Tauschwerthe, die Entstehung verdankte. Was ist es aber damit in,Grunde genommen? Tauschwerthe sind das Resultat, die Productivkräfte die Ur-sache. Lassen sich beide trennen in einer wissenschaftlichen Theorie des Güterlcbens?Ist nicht der Tauschwerlh, das Resultat, eine neue Ursache für neue Wirkungen?Und wenn die Productivkräfte vernachlässigt waren, müssen deshalb die Tauschwcrthcin der Erwägung ausgeschlossen werden? Gerade hier war List noch -einseitiger alsseine Gegner, und er gab einen schlagenden Beweis, wie ungerecht seine Kritik gegendie Smith sehe Schule war, der er viele ganz unwahre Dinge aufbürdete, die er alsein solidarisch verbundenes Ganze ansah, und deshalb für jeden einzelnen Auswuchsverantwortlich machte. Und doch hat gerade Ricardo mit seinem kleinen Anhänger-kreise den Werth der Producte überhaupt nur nach den Arbeitskräften geschäht, dieihn hervorbringen.
Doch wir wollen hier von List'r Vcrurthcilung der ganzen Smith'schcn Schule,und waS damit zusammenhängt, abgehen, da die Kritik ihm mit vollen. Recht das Un-wahre derselben, sowie seine mangelhafte Kenntniß ihrer Leistungen nachgewiesen hat,pnd er selbst später zu besserer Einsicht gelangt ist. Während List die Verschieden-