Band 
Siebenter Band.
Seite
244
JPEG-Download
 

244 Die deutsche Nationalversammlung.

Zusicherung aus, daß Hannover die Centralgewalt und das Gesetz darüber unum-wunden anerkenne (Sitzung der Nationalversammlung vom 21. Aug.).

Mittlerweile hatte die Centralgewalt noch andere Beweise ihres Rechts zu er-langen versucht; an deutlichern, unzweifelhaften Zeichen mußte sich die Stellung desReichsverwesers über den andern Fürsten erkennen lassen. Gleich am Tage derÜbernahme seiner Würden sollte dafür Sorge getragen werden. General Peuckererließ an alle „Landeskriegsministerien" die Aufsoderung, am 6. Aug. die Bundes-truppen die deutschen Farben anlegen und in Parade ausrücken zu lassen, ihnen desErzherzogs Übernahme der Oberleitung der bewaffneten Macht Deutschlands durchVerlesung seines Aufrufs an das Volk kund zu geben, und zum Ausdruck der Hul-digung ein dreimaliges Hoch dem Neichsvcrweser bringen zu lassen, unter Begleitungdreimaligen Grußes aus den Geschützen. Damit war eine Vorschrift gegeben, die,wenn befolgt, keine Macht verlieh und, wenn verletzt, das handgreiflichste Beispieldes Widerstrebens ausstellen mußte. Zwar die kleinern Staaten versuchten keineWeigerung: gewohnt an Fügsamkeit, gehorchten sie dem Rcichsverwescr, wie früherden beiden Vormächten des Bundestags. In Sachsen und Würtemberg sicherte diePolitik der Ministerien Braun und Römer den Vollzug des Pcucker'schen Befehls.Aber schon in Baiern fand man es bedenklich, dem Heere einen andern Kriegsherrnaußer und über dem Könige zu verkünden. Die Parade wupde zwar abgehalten,der Aufruf verlesen, das Geschütz gelöst, das dreimalige Hoch ausgebracht; aber daserste Hoch dem Könige von Baiern, nur das zweite dem Reichsverweser, und dasdritte dem deutschen Vaterlande. Die Centralgewalt hatte eine Frage gethan unddie bairische Regierung gab eine verständliche Antwort.

Am Wenigsten konnte Preußen, der Militärstaat, mit der Pcucker'schen Anord-nung einverstanden sein. Man ging so weit, sie als eine berechnete List des Ostrei-chers Schmerling auszudeuten; man war doppelt verletzt, daß ein preußischer Gene-ral sich zu einer Maßregel hergegeben, die den altpreußischen Stolz tief verwundenkonnte. Peucker vertheidigte seine Maßregel in einem Schreiben, das alsbald denWeg in die Öffentlichkeit fand. Er schilderte das Bedürfniß des raschesten Einschrei-tens gegen demokratische Ausstände, und wie deshalb die Truppen anzuweisen seien,den unmittelbar, ohne Verhandlung mit den Regierungen, an sie ergehenden Befeh-len zu gehorchen. Er bewies die Nützlichkeit solches Verfahrens durch den Erfolg;denn nachdem am 17. Juli Unruhen zu Wiesbaden ausgebrochen, habe man siegleich am folgenden Tage durch 2000 Mann von der Mainzer Besatzung zu dämpfenvermocht. Solche Ergebnisse wären undenkbar, wenn man jedes mal erst mit denRegierungen über die Verwendung ihrer Truppen unterhandeln müßte. Außerdemseien die süddeutschen Soldaten von der republikanischen Partei bearbeitet. Daherhabe man die Truppen von dem Bestehen der Centralgewalt, welche sie gegen denAufstand in Kampf sende, in Kenntniß setzen müssen, und zwar auf die bei demHeere allein übliche Weise. Die preußischen Truppen allein hätte man von dieserMaßregel nicht ausnehmen können. -Die „Huldigung" sei aber keineswegs im poli-tischen Sinne zu verstehen gewesen. Endlich sei die Anordnung dadurch unerläßlichgeworden, daß bei den meisten Parteien der Nationalversammlung sich das Verlange»kundgegeben, die Truppen für die Centralgewalt vereidigen zu lassen; nur durch jene„mildeste Maßregel" sei es möglich gewesen, einem solchen Schritte vorzubeugen.

Die preußische Regierung wurde durch diese Gründe nicht bewogen, der An-ordnung Pcucker's ein Genüge zu leisten. König Friedrich Wilhelm erließ am 20. Ju>>einen Armeebefehl, der des Königs Zustimmung zur Wahl des Neichsverwesers aus'sprach, der Ernennung durch das Parlament aber mit keinem Worte gedachte undmit den Worten schloß: „Soldaten! Überall, wo preußische Truppen für die deutscheSache einzutreten haben und »ach meinem Befehl Sr. k. k. Hoheit dem Reichsvcc-Weser sich unterzuordnen haben, werdet ihr den Ruhm preußischer Tapferkeit n»dDisciplin treu bewahren, siegreich bewahren!" Die Huldigung wurde unterlasse"oder doch nur von den preußischen Besatzungen der Bundesfestungen geleistet.