Band 
Siebenter Band.
Seite
599
JPEG-Download
 

Die Pflanzen und Thiere der Vorwelt. 599

Die Nagethiere haben bis jetzt noch keine besondere geologische Wichtigkeit ge-winnen können, indem ihre zarten Knochen unter denen der großen Landbewohnernur zu häufig übersehen worden sind. Überdies geriethcn oft die Skelett lebenderThiere durch ihre unterirdische Lebensweise unter wirklich fossile, daher denn auchviele Reste von Nagern als zweifelhaft fossil ausgezählt werden. Man kennt indessenschon aus allen lebenden Familien Repräsentanten aus tertiären und diluvialen Ge-bilden und selbst eigenthümliche Formen darunter. Überraschend ist die Menge derReste kleiner Nager, meist nicht specifisch verschieden von den lebenden, in manchenKnochenbreccien des Mittelmcercs und der neuerdings von Giebel beschriebenen beiGoslar. Zahllose Zähne und Knöchelchen sind hier zu großen Klumpen zusammen-gekittet, sodaß ihre Anhäufung Staunen erregt. Der ältesten, Bcutelthicre haben wirschon früher gedacht. In tertiären Ablagerungen fehlen die Überreste derselben ganz.Erst im Diluvium begegnen wir ihnen wieder, und zwar nur in ihrem heutigen Va-terlande, in Brasilien und Neuholland; auch deuten dieselben unzweifelhaft auf Artennoch lebender Gattungen, wie aus das Känguruh, den Wombat und die Beutelratte.

Die umfangreiche Familie der Naubthicre spielte in früher» SchöpfungSperiodeneine noch größere Rolle als in der gegenwärtigen. Alle lebenden Gattungen warenbereits durch Arten vertreten, und außerdem cxistirten noch zahlreiche eigenthümlichevon mehr oder weniger abweichender Organisation. Die bärenartigen zunächst er-schienen in der plioccnen Tertiärepoche mit Arten der typischen Gattung Ursus. So-wol in Frankreich als am Himalaya wurden ihre Reste entdeckt, dort aus ein Thiervon der Größe unsers braunen Bärs, hier auf die des Eisbären deutend. Diesenübertraf noch der Höhlenbär, das gemeinste Raubthier während der Diluvialepoche>»> mittlern Europa; denn fast in allen Knochcnhöhlen finden sich dessen Überreste,Und in einigen schätzt man die Zahl der abgelagerten Individuen nicht zu hoch auf1000. Den Höhlenbär begleiten in geringerer Anzahl Reste anderer Arten, derenVerwandtschaft bis aus den heutige» Tag noch ein Gegenstand lebhaften Streits ist.Gegenwärtig haben, auf sorgfältige Untersuchungen gestützt, Middendorf und A.Wagner ihre Ansichten über die specifischen Differenzen der urweltlichen Bären dar-gelegt. Jener erkennt nur den Höhlenbären als einzige diluviale Art; Dieser abernimmt noch die Existenz einer zweiten, von Goldfuß als Urbär begründeten Art an.Die größten Mastozoologen seit Nosenmüller, wie Cuvier, Blainville, Goldfuß, Owenund Andere, haben sich mit diesen Überresten lange und ernstlich beschäftigt; dcn-uoch ist bis auf die neueste Zeit noch keine Einigung der differirendcn Ansichten er-zielt worden. Die diluvialen Arten vermehrte Lund noch um eine brasilische, de-ren Knochen gleichfalls in den Höhlen vorkommen, und zwar in Gemeinschaft mitdenen des noch im mittlern Amerika heimischen kleinen Nasenbärs. Durch ihrenvlantigraden Gang und die plumpe Körperform schließen sich Dachs und Vielfraß,»ach ihrem Zahnsysicme und übrigen Organisationsverhältnissen zur Familie derMarder gehörig, den Baren an. Von beiden wurden Schädel in den fränkischenund westfälischen Höhlen entdeckt, deren specifische Eigenthümlichkeiten schon Goldfußund Cuvier, neuerdings A. Wagner und Giebel nachgewiesen haben.' Die tertiärenGebilde lieferten andere Übcrgangsgestalten zwischen beiden Familien. Lartet nanntedie eine Amphicyon. Sie ist größer als unser Bär, ebenso plump und plantigrad,aber ihr charakteristischer Fleischzahn und die dahinter liegenden Mahljähne erinnernan das Zahnsystcm des Hundes. Die mitteltertiären Straten bei Sansans bergendiese Fragmente, und zu ihnen gehört auch der von Kaup auf Vielfraß gedeuteteUnterkiefer aus dem Mainzer Becken. Eine zweite untergegangene Gattung nenntBlainville Paläcyon, die er mit dem brasilischen Cercoleptes vergleicht und als wasser-bcwohnendcn Bär, nach Art der Ottern, bezeichnet. Eine dritte nennt er wegen ihrerÄhnlichkeit mit dem Dachse Taxotherium. Diese letztere erschien schon in der eoce-»en Epoche. Überreste von Ottern, Mardern und Stinkthieren werden aus verschie-denen tertiären und diluvialen Schichten des mittlern Europa und den brasilischenKnochcnhöhlen erwähnt. Sie weichen nur wenig von den jetzt lebenden Arten