Das Osmanische Reich. 613
allein auSzusprechen, sonder» sogar selbst ausführen zu lassen. Da aber bei Gerich-ten dieser Art, wie sie in großer Anzahl in allen bedeutender» Städten des Reich-vorhanden sind, ein von zwei Mohammedanern geleisteter Eid als genügender Beweisangesehen wird, so begreift sich leicht, daß das Leben der Privaten bei der großenLeichtigkeit im Orient, für jede Sache falsche Zeugen aufzubringen, nicht wenigerdurch diese Gerichte gefährdet war, als es durch die unbeschränkte Willkür deSHerrschers hätte geschehen können. Weil sich nun eine auf Autorität des Koranund des göttlichen Rechts bestehende Einrichtung nicht geradezu aufheben ließ, sowurde den Mechkemehs zunächst das Recht der Ausführung der Sentenz benommen,bis allmälig für Justiz- und Criminalrechtspflcge neue Gerichtshöfe organisirt waren,welche die alten völlig in den Schatten drängten. Schon Mahmud hatte in dieserBeziehung an der allmäligen Ausmärzung des starren islamitischen Institut-, daSfrüher so vielen Ungerechtigkeiten seinen Deckmantel geliehen, mit Geschick gearbeitet,und die von ihm vorgezcichncte Lehre wurde nun eifrig verfolgt. In Beziehungauf das gesammtc Beamtenpersonal des Reichs hatten die türkischen Sultane vonjeher ein unbeschränktes Recht über Leben und Tod nach vollkommener Willkür undohne die mindeste Rechenschaft ausgeübt, indem ihnen dieselbe Gewalt über dieStaatsdiener zuerkannt wurde, welche die Privatpersonen damals über ihre Sklavenbesaßen. Dieser durch Jahrhunderte geheiligten Prärogative, welche Mahmud nochin seinen letzten Regicrungsjahren gegen seinen ehemaligen Günstling Halet-Efendiin Anwendung gebracht hatte, begab sich Sultan Abdul Medschid freiwillig, und cSist seitdem kein Beispiel vorgekommen, daß er von dem neuen Gesetze im mindestenabgewichen wäre.
Übrigens war der Eindruck, den der Hattischerif von Gülhane nicht allein imAuslande, sondern auch im Jnlande machte, ein entschieden günstiger. Die alsÄquivalent gegen die den Mohammedanern allein obliegende Militärpflicht von denRajahs zu zahlende Kopfsteuer war so niedrig angesetzt worden, daß Diese sich Jenengegenüber eher im Vortheil befanden; aber auch die Mohammedaner waren mit derFixirung des Kriegsdienstes auf eine bestimmte Anzahl von Jahren zufrieden. Dasganze Volk sah in dem großhcrrlichen Erlasse einen Damm gegen die Beamtenwill-kur, und die Beamten endlich selbst freuten sich, durch ihn gegen eine Rückkehr zudem frühern System der seidenen Schnur gewissermaßen sichergestellt worden zu sein.Dadurch erklärt sich auch, daß Mchcmed Ali, als er von dem Hattischerif hörte,zornig ausrief: „Das ist wieder gegen mich gerichtet."
In Beziehung auf den Streit zwischen der Pforte und dem Vicekönig blieb esindessen während der letzten Monate des JahreS 1839 ziemlich beim Alten. Wirhaben bereits des Schritts der Consularvertreter der fünf Großmächte in Alexandrienerwähnt, welcher auf Mehemed Ali so gut wie gar keinen Eindruck machte. ImGegentheil setzte er seine Drohungen fort, und wenn er Ende Septembers in Folgeeiner Krankheit einen sehr unterwürfigen Bries an den Großvezier schrieb, in welchemer ihn seinen alten Herrn nannte und ihm vorschlug, sich mit ihm zusammen inAnbetracht ihres beiderseitigen hohen Alters nach Mekka zurückzuziehen, wo sie denkurzen Rest ihres Lebens mit Gebet zubringen wollten, so ist schwer zu sagen, obHohn oder Arglist ihm diese Gedanken eingegeben. Gleichzeitig fing Jbrahim-PaschaWieder an Einfälle aus türkisches Gebiet zu machen, welcher Umstand der PforteAnlaß gab, Hafiz. Pascha, der nach der Schlacht von Nisib abgesetzt worden war,in seiner Würde als Seraskicr des Orients zu reintegriren und ihn nach Ost-kleinasien zurückzuschicken. Die Nachrichten indessen, welche von, Kriegsschauplatzeangingen und aus Alexandrien bestätigt wurden, waren eher für die Sache deSVicekönigs als für die der Pforte »achtheilig. Ibrahim-Pascha's Einfälle auf da«türkische Gebiet waren nur flüchtige Raubzügc, welche er anstellte, um die nothwen-digstcn Lebensbedürfnisse für seine Soldaten, Pferde, Kameele u. s. w. herbeizuschaf-fen; Hunger und Krankheiten rafften seine Truppen in erschreckendem Maße hin,und hinter ihm wuchsen die Empörungen in Syrien zu immer größerer Bedeutung