Band 
Siebenter Band.
Seite
617
JPEG-Download
 

Das Osmanische Reich. 617

die in Konstantinopel vorherrschende Ansicht, er habe dem Handel absichtlich dieseWendung gegeben, um den Generalissimus des Vicekönigs, der seine» Truppen einenneunmonatlichen Sold schuldete, durch die Reichthümer der Juden aus einer augen-blicklichen Geldverlegenheit zu reißen, hat mindestens viele Wahrscheinlichkeit sür sich.Dieses Factum stand aber keineswegs vereinzelt da, und so war es nicht zu ver-wundern, daß der Aufstand, welcher schon früher in einzelnen schwer zugänglichen.Gegenden geherrscht hatte, allmälig den ganzen Libanon und eine weite Strecke dersyrischen Küste fortriß. Mehemed Ali sandte einige Kriegsschiffe nach Beirut, umdie Ordnung herzustellen; doch scheiterte diese Expedition vollständig, indem die inseinen Diensten befindlichen türkischen Truppen bald nach der Ausschiffung zu denFeinden überliefen. Die Aufständischen rückten sogar vor Beirut, das sie belagerten,"nd einige englische Fregatten, welche Lord Ponsonby an der Küste kreuzen ließ, er-höhten noch ihre Zuversicht.

Nicht weniger günstig für die Pforte lauteten auch die Nachrichten, welche überdie Londoner Conferenz einliefen. In dieser war am 15. Juli 1840 ein förmlicher Ver-trag über die ägyptische Frage abgeschlossen und unterzeichnet worden, welcher AnfangsAugust in Konstantinopel eintraf. Natürlich wurde derselbe von den Pfortenministcrnmit großer Freude aufgenommen, und Ncschid-Pascha trat mit den Repräsentantender vier Mächte zu einer Conferenz zusammen, um über die zu ergreifenden Maßre-geln sich zu berathschlagen. In Folge dessen wurde Nifaat-Bei als Gesandter nachAlexandrien geschickt, um den Vicekönig zur Unterwerfung unter die Bestimmungendes Vertrags aufzufodern; und zugleich bekamen die Admirale der englischen undöstreichischen Flotte Befehl, nach der syrischen Küste zu segeln und den Aufständischeneventuell thatsächliche Hülfe zu leisten.

Das Haupt des französischen Cabinets, der Minister Thiers, der sich schonfrüher sowol in Konstantinvpel als auch in Alexandrien vergeblich bemüht hatte, einedirccte Verständigung zwischen den beiden streitenden Parteien zu Stande zu brin-gen, und welcher der diplomatischen Jsolirung Frankreichs ein möglichst rasches Endemachen wünschte, suchte jetzt durch seine Agenten Mehemed Ali zur Beilegunges Zwistes um jeden Preis zu bewegen. Doch kam sein Rath zu spät; der Vicc-Glück und auf den Kleinmuth seiner Gegner trauend, war fest cnt-lchlossen, es auf das Äußerste ankommen zu lassen. In diesem Sinne schrieb erauch an den Grvßvezier einen Brief, der im Divan seinen Eindruck zu machenmcht verfehlte, und in dem er auseinandersetzte, es handele sich um die Interessenms Islam gegen die Christen, er rüste im muselmännischcn Interesse und werdeUnfehlbar seinen Sohn auf Konstantinopel marschiren lassen. Auch Frankreich ver»suchte noch einmal, die Pforte durch Drohungen zum Nachgeben zu bringen, abernatürlich ohne Erfolg, und Reschid-Pascha gab eine Erklärung von sich, der zufolgedie Pforte an den Beschlüssen der Londoner Conferenz unverbrüchlich festhalten und"»gesäumt die Dardanellen in Verrheidigungszustand setzen wolle.

Ende August und dann weiter im September 1840 trafen Nachrichten von Rifaat-Be, aus Alexandrien ein. Der Pascha hatte zunächst erklärt, er sei der trcucsteicner - Sultans, er halte es aber für Religionspflicht, den Befehlen der curo-"At nachzugeben. Diese Zuversicht hielt indessen nicht lange an,und nach einigem Hm- und Herschwanken gab er dem Gesandten bei seiner RückkehrE ausweichende Antwort mit, in welcher er sein Einvcrständniß mit dem auf den crb-.'chen Besitz Ägyptens bezüglichen Theil der Londoner Convention aussprach, wegens" Bestimmung über Syrien aber zu weiter« Verhandlungen auffvderte. Zu die-^schriftlichen Documcnt fugte er die mündliche Erklärung, daß er zufrieden seinweroe, wen„ sein Sohn Syrien, Adana und Tarsus als Statthalterschaft erhielte.

„. Vertreter der vier Mächte betrachteten diese Antwort einfach als abschläg-

w?/. da Mehemed Ali die Aufrichtigkeit seiner Zusagen nicht, wie man er-abaes durch Herausgabe der Flotte bethätigt hatte. Er wurde demnach sür

s letzt erklärt, und die verbündeten Mächte zogen ihre Consularagenten von Alcxan-