Das Osmanische Reich. 629
bildeten Pöbels, welcher den Verfall des Reichs lediglich dem bösen Willen der frem-den Mächte'zuschrieb, miteinander in Wechselwirkung, und gaben der schon bestehendenErbitterung gegen die Christen überhaupt und namentlich gegen die Franken täglichneue Nahrung. Nachdem in den Jahren 1842—43 mehre weniger bedeutende Aus-brüche dieser allgemeinen Stimmung stattgehabt hatten, trug sich im August diesesJahreS ein Fall zu, welcher wichtig genug war, das Jntcrefs? der Diplomatie, jaganz Europas, in Anspruch zu nehmen.
Ein junger Armenier, Serkis Papaz Oghlu, hatte nach einem Familienzwistein der Aufwallung des Zorns den Islam angenommen und war dafür nach demallgemeinen Gebrauch von der Behörde mit einem kleinen Geldgeschenke belohntworden. Nicht lange, so bereute er bitter den gethanen Schritt; er kehrte heimlichin den Schoos der christlichen Kirche zurück und hielt sich, um der Strafe zu ent-gehen, eine Weile außerhalb Konstantinopcls verborgen. Nach Jahresfrist kehrte er,im Vertrauen, daß die Angelegenheit längst vergessen sei, in seine Vaterstadt zurück,wo er die Vorsicht anwandte, um weniger leicht erkannt zu werden, seine armenischeTracht mit der europäischen zu vertauschen. Er hatte sich indessen getäuscht: einPolizeiagent, der bei seiner Apostasie gegenwärtig gewesen war, sah ihn auf derStraße und machte sogleich den Behörden Anzeige. Der Abtrünnige wurde verhaftetund vom Reichsrathe auf den Antrag des Großmufti, welcher gegen die erhobenenBedenken einfach mit der Frage geantwortet hatte: „Sind wir Mohammedaner?"einstimmig zum Tode durch das Beil verurtheilt. Bevor aber diese Sentenz gefälltworden, hatten die Verwandten des Unglücklichen zu seinen Gunsten den englischenBotschafter um Verwendung angefleht, und dieser hatte in vertraulicher Weise vonRisaat-Pascha das Versprechen erhalten, daß das Leben des Unglücklichen geschontwerden solle. Groß war demnach in und außerhalb der Diplomatie die Entrüstung,als man vernahm, daß die Hinrichtung dennoch unter den rohesten Freudenbezeugun-gen des muselmännischen Pöbels auf einer der volkreichsten Straßen Konstantino-pels stattgefunden, und zugleich von der Behörde zu einer Art von DemonstrationAge« die Franken benutzt worden war, indem man das arme Schlachtvpfer in frön-nsche Tracht gekleidet und auch Sorge getragen hatte, den abgehauenen Kops, wel-cher der Sitte gemäß drei Tage ausgestellt blieb, mit einem Hute zu bekleiden.
Unter diesen Umständen hielten die Repräsentanten der fünf Großmächte fürnothwendig, nicht allein selbst augenblicklich der Pforte ihre Misbilligung über denBorfall auszusprechcn, sonder» zugleich ihre respectiven Höfe um desfallsige Jnstruc-klonen zu ersuchen. Diese Schritte sehten die Psortenminister in die größte Verle-genheit. Rifaat-Pascha sprach sein Bedauern aus, daß der Serkis in fränkischerTracht hingerichtet worden sei, suchte indessen diesen Umstand als einen rein zufälligenund demnach entschuldbaren darzustellen; die gleichzeitig verlangte Abrogation desGesetzes dagegen, welches über Apostaten vom Islam die Todesstrafe verhängt, er-klärte er für unmöglich — und allerdings hatte dasselbe, wenn auch nicht auf dem7^°ran, dem Worte Gottes, sondern vielmehr auf einem Ausspruche Mohammcd'S(Hadiß) beruhend, von je her für einen der Grundpfeiler des Islam gegolten.
Unterdessen hatte die Nachricht von der Hinrichtung auch auf die europäischend°" schmerzlichsten Eindruck gemacht, und bald sahen sich die Gesandten inE Jnstructioncn versehen, in welchen dieser Nückfall in die altearvarei getadelt und der Pforte in ihrem eigenen Interesse gerathen wurde, einemPrincipe zu entsagen, welches nothwendigerweise ihr die Gemüther der befreundetenwtachte entfremden und den Ruin des Reichs beschleunigen müsse. Durch einenmerkwürdigen Zufall wurde in derselben Zeit ein zweiter ähnlicher Fall einer Hin-Di> -Aannt, welcher >n dem Dorfe Biledschik bei Brussa stattgefunden hatte.7- ,.kunf Repräsentanten hielten es deshalb für ihre Pflicht mit dem äußersten Nach-es d "U"^"en, was denn allerdings seine Wirkung nicht verfehlte. So schwerlack!* ^orte wurde, gerade in diesem Punkte dem Andringen der fremden Mächtezugeben, so mußte sie sich doch dazu entschließen: dem Sultan wurden die Kund-