756 Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—49.
saale versammelten Bürgermilitär (Landwehr) vom Bürgermeister von Steinedorfkundgegeben. Mitten in der Nacht hincingeschleudert in die schlafende Stadt, ver-breitete diese überraschende und durch ihre Zusätze bedenkliche Kunde eine unbeschreib-liche Aufregung: sie gestaltete sich drohend für den Fall, daß des Königs Entschlie-ßung nicht vollkommen freiwillig sei, daß eine Palastintrigue mit unterlaufe. Schonam frühen Morgen des folgenden Tags fand eine Bürgervcrsammlung auf demRathhause statt. Daß um dieselbe Zeit die Landwehr zum Huldigungseid beordertwar, ohne daß man noch den Throneid des neuen Königs vernommen, trieb zumraschesten Entschlüsse. Eine Bürgerdeputatio» sollte sich in der Residenz zuerst ver-sichern, daß hier kein erzwungener Act vorliege; für diese Eventualität ward einenergischer Protest vorbehalten. Aber die Ereignisse hatten auch diese Beschluß-fassung überholt. Auf dem Dultplatze waren Militär und Bürgcrwchr schon ver-eidct worden. Umsonst hatten Einzelne Aufklärungen verlangt, ehe sie schworen.Allgemeine Versicherungen hatten ihnen Schweigen geboten. Der Eid des Bürger-militärs war würdig und unverfänglich formulirt, dagegen war den Truppen deralte Fahneneid abgenommen worden, welcher unbedingten Gehorsam gegen den Kö-nig u. f. w. fodert und in gewisser Art den jüngst geleisteten Vcxfassungseid des-avouirte. Saß aber noch ein konstitutioneller König aus Baicrns Thron? Niemandwußte es; denn weder die Entsagungsactc König Ludwig's noch König Maximi-lian's Thronbesteigungspatent war noch erschienen. Die argwöhnische Erregungwuchs, die Gruppen der auf- und abwogenden Massen verdüsterten sich. Da kamendie Deputationen der Stände aus der Residenz, wo sie und der Staatsrath derEidesleistung des neuen Königs beigewohnt hatten. Er hatte geschworen: „nachder Verfassung und den Gesehen des Reichs zu regieren." Er hatte beigefügt, daßihm sein „vielgeliebter Vater, aus freier Entschließung die Krone des Reichs über-geben". Aber das waren Worte der Form. Warum sprach König Ludwig nicht?Warum erhielt man keine Nachricht über den Hergang seines Entschlusses? Woblieb seine Thronentsagungsacte, wo sein Abschiedswort? Endlich, gegen 10 UhrVormittags wurden die ersehnten Documente an den Straßenecken angeschlagen undin Tausenden von Exemplaren verbreitet.
Wichtiger als die formelle Thronentsagungsacte König Ludwig's und dasformelle Regierungsantrittspatent König Maximilian's II. dünkten dem Publicumjene Worte des Abschieds, welche der bisherige, sowie die Worte der Begrüßung,welche der neue Regent an die Baiern richtete. Die erste Proclamation bestätigte,was man in den letzten Tagen als Grund des Abdankungscntschlusses angegebenharte. „Baiern!", lautete sie, „eine neue Richtung hat begonnen, eine andere alsdie in der Verfassung enthaltene, in welcher ich nun im 23. Jahre geherrscht. Ichlege die Krone nieder zu Gunsten meines geliebten Sohnes, des Kronprinzen Maxi-milian. Treu der Verfassung regierte ich; dem Wohle des Volks war mein Lebe»geweiht; als wenn ich eines Freistaats-Beamter gewesen wäre, so gewissenhaft gingich mit dem Staatsgute, mit den Staatsgcldern um. Ich kann Jedem offen indie Augen sehen. Und nun meinen tiefgefühlten Dank Allen, die mir anhingen.Auch vom Throne herabgesticgen, schlägt glühend mein Herz für Baiern, für Deutsch-land. München, 20. März 18-18. Ludwig." Daß diese Worte vom Könige selbstgeschrieben waren, daran zweifelte Niemand. Es war der gewohnte Tonfall, es wa-ren die bekannten Überzeugungen. Obgleich nun auch die königliche Ansprache Ma-ximilian'- von keinen» Minister conkrasignirt war, so wollte man doch anfangs in ihrnicht den unmittelbaren Ausdruck des Dranges zu einem Worte an die Bevölkerung,sondern die vorsichtig abgefaßte, in jedem Worte abgewogene Erfüllung eines Her-
die Nachricht aus der Residenz durch einen Lakaien zukam. Dieselbe wurde ihm so mitgetheilt,daß sie von einigen Umstehenden gehört wurde, die dringend um Aufschluß baten, worauf ersich veranlaßt sah, laut über da« Gehör« sich auszusprechen. Die Mittheilung war somit voninner Seit« nicht officiell.