31
Die neue deutsche Lyrik.
die eigentlich moderne Lyrik hervor, deren Hauptbedeutung darauf beruht, daß siedie Anlehnung an antike Muster und eine ferne fremde Weltanschauung verschmäht;daß sie aus dem Geiste der Nation und des Jahrhunderts hcrausdichtet und dieForm diesem Geiste dienstbar macht, ohne sie idealen Ansprüche» der Schönheit zuentfremden Wie Heine die Form der Romantik mit dem modernen Gehalt erfüllteund dadurch auflöste, so vollzog sein Gegner, Platen, denselben Auflösungsproceß ander Form der Classicität, die er mit unbedingter Meisterschaft handhabte, aber der erfremden, skeptisch-modernen Gehalt einhauchte. Uhland schuf indessen, mit mehrKlarheit, Zartheit und Adel als Bürger, eine deutsche Volkspoesie, während Nückcrtdls Sprödigkeit der deutschen Sprache und ihrer dichterischen Formen in willfährigste^iegiamkeit verwandelte, und den Horizont der deutschen Dichtung kosmopolitisch er-weiterte, indem er mit größerm Glück als Goethe im „Westöstlichen Diwan" dieGedankenwelt des Orients in die deutsche Lyrik verpflanzte. Dies sind die Vorläu-fer der neuesten Lyrik — der Lyrik des letzten Jahrzehnds, welche allein in den Be-reich dieser Abhandlung fällt. Jene Dichter, als die unmittelbaren Vorläufer, kön-nen daher hier nur erwähnt werden, insoweit sie auch in der neuesten Epoche pro-ductiv thätig auftreten.
In der Kritik der Lyrik des letzten Jahrzehnds müssen wir eine Lyrik der neuenund eine Lyrik der alten Richtung unterscheiden. Jene mit modernerm Gehalt er-füllte Lyrik entfaltete sich in ihren ersten Anfängen ungefähr in der Zeit der Juli-revolution von 1830, und bereicherte die deutsche Poesie mit allen Gedankenschätzen,welche die allgemeine Bewegung der Geister zu Tage gefördert. Sie trägt dahervorzüglich den Charakter idealer Gedankenpoesie, deren Auflösung und Verwilderungbei den Poetastern, die sie im Gefolge hatte, in gehaltlose Reflexion und versisicirteProsa ausartete. Das poetische Nondeau und der musikalische Chanson lag ihr fer-ner, obgleich sie das Erste bei Herwegh, den Letzter» bei Hoffmann von Fallerslebenvollkommen erreichte. Der Gedankenreichthum, der sie auszeichnete, ging Hand inHand mit einem Bilderreichkhum, der das charakteristische Kennzeichen der neuenDichkweise ist. Die Fehler des Reichthums verdrängten die Fehler der Armuth, mitder die sangbare Wein- und Liebeslyrik sich durchgebettelt hatte. Das Füllhorn derPhantasie schüttete tausend Blumen 'aus, welche in den bisherigen ästhetischen Her-barien unbekannt waren, aber in dem neuen Dichterlenz mit ungeahnten Reizenblühten. Während Einzelne, wie Anastasius Grün, mit ihren Gedanken in der über-wuchernden Flora fast erstickten, sodaß eine kritische Prodigalitätserklärung gegen diemaßlosen Verschwender nöthig schien, wußten Andere mit Grazie und künstlerischemMaß geschmackvolle Kränze aus den neuen Blumen zu winden, die mindestens nichtaus unsern classischen Kunstgärten gestohlen waren. Im Allgemeinen hielt sich dieüberwiegende Bildlichkeit des Ausdrucks doch von Schwulst frei, indem die Bildernicht, wie leere Anhängsel, um die Gedanken herumhingen, sondern sie präcis undkernhaft ausdrückten. Der neue Gedanke schuf sich die neue Form mit organischerNothwendigkeit. Dieser Gcdankengehalt selbst war theils die ironische Verflüchtigungder romantischen Schattenwelt, wie bei Heine, theils die politische, von Frankreichhereinbrechende Freiheitsbegeisterung, die vor 1840, wie bei Anastasius Grün, nurverhüllt und unbestimmt, in Jean Paul'schen „Dämmerungen für Deutschland" auf-trat, nach 1840 aber, wie bei Herwegh, Pruhs Freiligrath und Andern, mit be-stimmten Postulationen und mit hinreißendem Schwung. Theils war es auch mo-derne Licbesdialektik, wie bei Dingelstedt, theils ein in der Hegel'schen Philosophiewurzelnder Humanismus und ein beredtes Apostolenthum der Gedankenfreiheit, mitskeptischer Unbcfriedigung bei Lenau, mit praktisch-ethischer Wendung bei Sallet, mitenthusiastischem Dichtcrschwung bei Gvttschall, in epischer Ausbreitung bei Ullrich.Auch der Socialismus, der bei allgemeiner Haltung in die Scylla des Phrasenhaftenbei specieller Farbengebung in die Charybdis des Prosaisch-Trivialen siel, sandte einlyrisches Contingent, während, von Nückert angeregt, Daumcr und Bodenstedt dieorientalische Lebensweisheit der christlichen Askese gegebcnüberstellten.