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Achter Band.
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Die neue deutsche Lyrik.

andern Seite die phantastische Exaltation und Extase gegenüber, welche in dem Na-turell .des Dichters liegt. Deshalb vertritt er noch entschiedener als Herwegh dieRevolution und trägt ihre blutrothe Fahne. Er schwelgt in den glühenden Bilderndes Aufruhrs, in Blut und Pulverdampf. Seine an Victor Hugo herangebildetePhantasie liebt die Effecte des Gewaltigen und Gräßlichen. Die politische Lyrik,ein Sturmvogel, der bei Herwegh aus Alpenhorsten freie Lieder sang, ließ sich beiFreiligrath auf den Barrikaden nieder. Doch hält sich Freiligrath in dieser neuenLyrik nicht ganz von der Gefahr fern, zu sehr die blutige Äußerlichkeit des Kampfsherauszukehren und mit Wohlgefallen an seinen Schreckbildern zu verweilen, wäh-rend das innere treibende Pathos des Gedankens mehr in den Hintergrund tritt.Das Talent Freiligrath's indessen bewährt sich noch in seinen neuen Gedichten inreichster Begabung, sodaß wir nicht in den Tadel Derjenigen einstimmen können,welche Freiligrath, seit seiner Wendung zu den Rothen, auch in der Poesie füreinen verlorenen Posten halten.

> An die erwähnten norddeutschen Dichter reihen sich mit vorwiegend philosophi-scher Färbung und Richtung: Friedrich von Sallet, Rudolf Gottschall und TitusUllrich, während das junge dichtende Ostreich noch durch Moritz Hartmann und AlfredMeißner vertreten wird. Sallet (gest. 1843) ist eine der interessantesten Erscheinun-gen unserer neuen Literatur, welche bereits als ein abgeschlossenes Charakterbild voruns steht, indem den Dichter ein früher Tod überraschte. Seine „Sämmtlichen Schrif-ten" (5 Bde., Bresl. 1845—48) enthalten einen reichen Gedankenschatz, ein ebensotiefes wie glänzendes Vermächtniß seines Genius. Von seinen poetischen Werken er-wähnen wir das „Laien-Evangelium", das seinen Ruhm begründete, „Des DichtersWerden" („Sämmtliche Schriften", 4. Bd.) und „Gedichte" (Berl. 1835; 3. Aufl.,Hamb. 1852). Sallet ist der Poet des Gedankens, nicht in seichter Reflexion, son-dern in tiefer, spekulativer Fassung. Seine Entwickelung wird theils durch die Ro-mantik bestimmt, theils durch die Hegcl'sche Philosophie, welche mit läuternder Dia-lektik die romantischen Schlacken ausbrannte und durch ihre großartige Architektonikder Sallet'schen Poesie erst die rechte Höhe und Tiefe gab. „Des Dichters Wer-den" zeigt unS die Production des Dichters noch im Zauberbanne der Romantik.Sallet lehnte sich nicht an Schiller und Goethe an, sondern an Tieck und dessenSchule. Seine ersten Versuche haben die ganze Formlosigkeit der Romantiker.Seine humoristischen Komödien wiederholten die Sprünge des Tieck'schen Phantasus.Sein Märchen „Schön Jrla", so reich es auch ist an duftiger Lyrik, an tieferNaturempfindung, selbst an Gedankenfonds, hat doch eine künstlerische Ungestalt,eine Zerfahrenheit und Verschwommenheit, die weder einen klaren Gedankengangnoch eine melodische Form aufkommen läßt. Diesem überwiegenden Einfluß derRomantik auf Sallet's Dichtungen muß man es wol zuschreiben, daß er auchspäter nie eine gewisse Trübheit der Form vollkommen bewältigen, nie jene idealeKunsthöhe erreichen konnte, wo Form und Inhalt sich zu vollendeter Schönheitverschmelzen. Eine oft mystische Tiefe des Gedankens ging nur zu oft Hand inHand mit einer harten, mühsamen Form, mit dem Ringen einer christlichen Gedanken-askese, welcher die heitern Grazien des Hcllenenthums ausgeblieben waren. DieseTrübheit der Form charakterisier auch das „Laien-Evangelium", das bedeutendsteWerk Sallet's, eine moderne Evangeliumharmonie, welche den Inhalt des NeuenTestaments aus dem Gedanken der Neuzeit, aus dem freien Bewußtsein wiederge-bären wollte, und die einfache Moral der Bergpredigt in den politischen und socialenKatechismus der jüngsten Fortschrittspartei übersetzte. Eine eherne Consequenz undCharakterfestigkeit zeichnen diese didaktische Dichtung aus, die auf die Wahrheitund Bravheit der Gesinnung den Ton legte und eine innere sittliche Läuterung alsden Kern des modernisirten Christenthums hervorhob. Während Strauß das Histo-rische des Christenthums in die Mythe auflöste, suchte Sallet seinen ethischen Gehaltzu bewahren. Er beginnt jedes Gedicht dieser neuen Evangelienharmonie mit einemFactum oder einer Lehre der Schrift, die er dann gleichsam in die Sprache des mo-