72 Die neue deutsche Lyrik.
Brocken sehnt. Schon in diesen Gedichten aus Athen tritt der Hauptmangel derGeibel'schen Poesie hervor, der sich durch keine Fornigewandtheit ersetzen läßt: derMangel an Gedankentiefe. Geibel's Weltanschauung ist oberflächlich, und seine Poesiebewegt sich um einige fertige Gedanken hin und her. Nirgends das Gähren über-strömender Dichterkraft, nirgends eine geniale Auffassung der Welt und des Lebens,nirgends eine originale Gedankenfülle! Deshalb gelingt es ihm, die Form so glattzu halten, indem kein inneres Ringen gewaltsam die Schale sprengt. Es ist die Poesiedes Hergebrachten, die conservative Poesie, die recht bequem sich an fertige Dogmenanlehnt. Am deutlichsten spricht sich dies in den Geibel'schen Tendenzgedichten aus.So hat er sich.zuerst durch den Fehdehandschuh, den er Herwegh zuschleuderte,einen Namen gemacht. Das Gedicht hat mehr Schwung und Kraft, als man beiGeibel zu finden gewohnt ist. Die Brandpoesie des modernen Herostrat hatte auchihn mit einigen Feuerflocken gesegnet. Geibel kämpft indessen auch für die Freiheit;aber seine Freiheit ist eine loyale, nationale, die sich organisch von innen herausentwickeln will. Seine Freiheit ist eine „heilige Lebensamme", kein blutiges Weibin aufgeschürztem Kleide. Er zieht gegen den Pöbel ins Feld, der sich den Königs-mantel umgeschlagen. Dabei ist er, wie seine Sonette für Schleswig-Holstein be-weisen, patriotisch für die deutsche Einheit und Freiheit nach außen begeistert, dieer auch gegen Russen und Franzosen vertheidigen will. So wenig sich Geibel vonder politischen Tendenz frei zeigt, ebenso wenig ist er es von der religiösen. DochGeibel ist durchaus kein Abgesandter des Jesuitismus: er hat die fromme Andachteines lutherischen Predigers, die simple, glattgcscheitelte Frömmigkeit ohne Tonsur.Wie seine politische Begeisterung in dem „Vaterlande", so faßt sich seine religiösein der „Kirche" zusammen. Die Autorität, das Gegebene, das Positive steht beiihm so fest, daß keine Skepsis daran zu rütteln wagt- Die Bequemlichkeit undDürftigkeit des Denkens hat an diesem unbedingten, nicht einmal innerlich vertieftenAutoritätsglauben bei Geibel gewiß ebenso großen Antheil wie die fromme Richtungseines Gemüths.
Fern von dem Schwärm, der unbesonnen
Altar und Herz in Trümmer schlägt,
Quillt mir der Dichtung heil'ger Bronnen
Am Felsen, der die Kirche trägt.
Mit diesem Motto zieht Geibel in Streit gegen das moderne Heidenthum und denGeist des Verneinens, ein überzeugter und ehrlicher Kämpfer, den aber diese Abhän-gigkeit des Denkens verhindert, größere und unsterbliche Werke zu schaffen, wie sienur der Genius in freier Autonomie, unabhängig von allen gegebenen Voraussetzun-gen, aus seinen Tiefen herausgebärt. Geibel's Talent, so liebenswürdig es auch ist,ermangelt deshalb jeder höher« Bedeutung, und wird zwar in den Blumenlcsen einvorleuchtendes Muster, aber der Nation keine Leuchte auf die Dauer sein.
Wenn bei Geibel die Poesie über die Tendenz, so siegt dagegen bei Redwitz dieTendenz über die Poesie. Oskar Freiherr von Redwitz-Schmölz (geboren 1823)ist der tendenzeifrigste Glaubensprediger, den die deutsche Poesie auszuweisen hat.Während Geibel's Frömmigkeit eine lutherische, ist die Frömmigkeit von Redwitz einebigot-katholische. Dies mag vor allem den großen Erfolg seines Gedichts erklären,indem der Katholicismus seit langer Zeit kein hervorragendes Dichtertalent in seinemDienste aufzuweisen hat. Da die extremen Richtungen des Protestantismus mitden klerikalen Bestrebungen Hand in Hand gehen, so geschah es natürlich, daß derApplaus der klerikalischen Begeisterung zugleich in allen „stillen Cirkeln" seinen Wi-derhall fand, und daß protestantische Literaturhistoriker, wie Barthel, in dem katho-lisirenden Redwitz den bedeutendsten Dichter der Neuzeit feiern. Ist er doch ein St.-Georg, der dem Lindwurm des Unglaubens den Kopf zertritt!
Das vielgelesene Werk von Redwitz ist der „Amaranth" (Mainz 1819; 11.Aufl., 1852), eine Dichtung, welche die Parteikritik mit Lobpsalmen überschüttethat, die aber dem Unbefangenen zeigt, daß das Talent von Redwitz bei weitem nicht