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Achter Band.
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75
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Die neue deutsche Lyrik. 75

Mit solchen dogmatischen Wendungen verloscht Nedwitz die ganze stille Poesie sei-ner Amaranth. Glücklicher ist seine Form i» den Naturschildcrungcn und denSchilderungen der poetischen Situation. Hier ist sein dichterisches Verdienst zu su-chen. Die Waldlyrik, voll jener beliebten Naturbclebung, die jetzt cn voguo, daseigentliche Genre des Lorelei, der Kirchgang Amaranth's, der Neiterzug Walthcr's,die italienischen Feste mit dem humoristischen Genrebild des tanzenden Kastellans:alles Dies ist malerisch und plastisch gelungen, nicht ohne Reiz und Schmelz undansprechende Gestaltung. Doch in ihrem eigentlichen Element befindet sich die Lyrikvon Nedwitz, wenn sie die letzten Trümpfe des Dogma ausspielen kann. Hier er-hebt sich die Form zu einer Gewalt und Verve des Ausdrucks, zu einem leiden-schaftlichen Ungestüm, zu einer lodernden Bilderpracht, welche indessen die Ohnmachtdes Gedankens nicht zu verbergen im Stande ist. Es ist Hcrwegh'sche Sturmlyrik,Glocken läutend und Fackeln schleudernd im Namen der Kirche. Gerade diese Stel-len seiner Dichtung, diese fulminanten Bußpredigten haben Nedwitz zu einem Aus-erwählten der neuen Kreuzritter gemacht, zum Hohenliederdichter der Kirche undihrer Bannesblitze. Die zweite Dichtung von Nedwitz: „Das Märchen vom Wald-bächlein und Tannenbanm" (Mainz 1850) steht hinter „Amaranth" weit zurück,indem es nicht viel mehr ist als eine nüchterne Allegorie, bei welcher die Absicht-lichkeit und Tendenzhascherei noch unverhüllter als in „Amaranth" zum Vorscheinkommt. Die Märchcnform ist aber hier so forcirt wie die Gemüthslyrik in „Ama-ranth". Der duftige Hintergrund des Waldes, all diese Variationen auf das Thema:Was sich der Wald erzählt, werden nachgerade langweilig, als Concession an denGeschmack und einer raffinirten, ästhetisch - zugerichteten Naturpoeste.

Ohne vorwiegend mystische Richtung, aber von herausfoderndcr, turnierlustigerRitterlichkeit und altaristokratischer Tournure erscheint Moritz Gras Strachwitz (ge-storben 1849), dessen „Lieder eines Erwachenden" (Bresl. 1845 und 1850) ein invieler Beziehung unreifes Junkerthum vertreten, wenngleich sie von dem Dränge einesecht dichterischen Talents inspirirt waren. Seine „Neuen Gedichte" (2. Aufl., Bresl.1849) sind abgerundeter, klarer, schwunghafter; aber das geharnischte Ritterthumlegt hier eine noch geschärftere Lanze ein gegen die modernen Richtungen, vor allemgegen die politische Lyrik und das Zwitterthum „von Rouss und Propheten", daser den neuen Socialrcformern mit faustrechllichcr Bravour in die Zähne wirst.DaS Gedicht „Germania", das beste der Sammlung, athmet in schwunghafter Formeine patriotische Erhebung, die bei allem mittelalterlichen Anstrich doch würdevoll undergreifend ist. Noch entschiedener gegen die Revolution macht W. von MerckelFronte in seinen „Zwanzig Gedichten" (Berl. 1850), in denen der Haß des „Ee-stndelS" und die canaillefeindliche Poesie ihre Philippiken gegen die Märzrevolutionschleudert. Die Diction des Dichters ist indessen besser als seine Gesinnung, dieForm der Gedichte ist rein und edel gehalten, solange nicht die Verbitterung gegendie Zeit gewaltsam einige Saiten der Lyra zerreißt. Marktschreierisch reactionär sinddie „Gedichte" von H. Scharf von Scharfcnstein (2. Aufl., Schaffh. 1850), ein bekannterLegitimist, dessen Poesie ebenso vor den Thronen herumwedelt, wie sie die Bestrebun-gen der Freiheitspartei anbellt. Die überschwänglichen Lobpreisungen Heinrich'- V.,sowie diese ganze französirende, mit dem 4noisn regims kokettirende Poesie machennur einen widerwärtigen Eindruck. Die dichterischen Lilien des Herrn von Schar-fenstein haben keinen Blumenduft, sondern sind gemachter Putz. Von Talent istkaum die Rede: er versteht es nicht einmal mit Grazie zu schmeicheln, sondern hältden Fürsten gleich das ganze Weihrauchsaß ins Gesicht. In seinen „Neuen Gedich-ten" (Mainz 1847) macht sein Patriotismus eine Wendung nach der andern Seite,und er ruft die Russen zum Schuhe der deutschen Eichen herbei. Ebenso ungeschicktist die Opposition gegen den Zeitgeist, welche Guido Görres in seinen „Gedichten"(Münch. 1844) zu machen versucht: eine Opposition ohne Geist, Tiefe und Grazie.Wie unglücklich aber die Ironie und der Sarkasmus der Reaction ausfallt, das