140 Die Alpen.
gestreckten parallelen Thäler bilden. Auf dem Rücken der Gebirgsketten liegen hieralso die Schichten horizontal und senken sich dann gleichmäßig nach beiden Seitengegen die Thäler herab. Diese ganze Art der Gebirgsbildung ist sehr gut undeinfach durch seitlichen Druck zu erklären. Man denke sich z. B. der Versinnlichungwegen eine Reihe von Papierblättern, welche von zwei entgegengesetzten Seiten einenDruck erleiden, so werden sich dieselben in ganz ähnliche Faltungen legen, derenZahl und Form natürlich von der Art und Weise des Drucks, der physikalischenBeschaffenheit der gepreßten Blätter, ihrer Anzahl und Masse abhängen wird. Zndenjenigen Theilen, in welchen der Druck am bedeutendsten wirkte, entstanden inFolge der Sprödigkeit der Masse Zerberstungen, sodaß wir jetzt im Jura tiefe undsteile Spaltenthäler finden, die das Innere des Gebirgs oft bis zu bedeutenden TiefenbloSgelegt haben. Diese merkwürdigen Verhältnisse wurden besonders durch die Be-obachtungen von Greßly, Thourmann und anderer schweizer Geologen aufgedeckt undin ihrem Zusammenhange dargestellt. Auch in andern Gebirgen der Erde, z. B. inden Apalachen von Nordamerika, ist diese Runzelung der Erdrinde sehr deutlichentwickelt, und zwei sehr thätige amerikanische Geologen, die beiden Nager, habenaus der sorgfältigsten Beobachtung der dortigen Phänomene eine lehrreiche allgemeineDarstellung und Theorie derselben gegeben.
In den Alpen jedoch ist die Erhebung der Schichten durchaus nicht so einfach.Auch hat man sich überzeugt, daß nicht, wie man anfangs vermuthete, eine gleich-mäßige Stellung der Schichten sich bei jedem Querabschnitte zeigt, welchen man anirgend einer Stelle über die Breite der Alpen hinweg sich gezogen denkt. Betrach-ten wir zuerst die großen Centralmasscn von Granit und Gneuß in den innerstenTheilen der Alpen, so zeigt sich hier nicht selten eine sehr auffallende Erscheinung.Die Schichten bilden nämlich hier, z. B. in der Centralmasse des Montblanc, desBerner Oberlandes u. s. w., einen großen Fächer; sie stehen in der Mitte verticalund nehmen, je mehr man die Abhänge hinabsteigt, allma'lig geringere Neigungenan, wobei sie stets genau, wie die verschiedenen Arme eines Fächers, in den Berghineinfallen und sich so gleichsam an irgend einem Punkte in dem Innern des Bergsalle zu vereinigen scheinen. Diese Structur, welche bereits von Saussure beobachtetund besonders von Studer weiter verfolgt worden ist, scheint von dem großenDrucke bedingt zu sein, welcher aus dem Innern der Granitmaffen ausging. Da-durch wurden die sämmtlichen Schichten mit großer Gewalt auseinander gepreßt,über die anstoßenden Felsmassen herübergeschoben und so in ihre jetzige so unregel-mäßige Lage gebracht. An die Fächer der Centralmassen schließen sich dann diemeist sehr steil aufgerichteten Schichten der krystallinischen Schiefer an, welche theilsvon den Centralmassen abfallen, theils auch ihre flachen Seiten denselben zugekehrtund die steilen Abfälle der Schichtenköpfe von denselben abgewendet haben. In denKetten der Kalkalpen sind vorzüglich die Windungen und Biegungen von Interesse,welche oft eine große Reihe von Schichten in denselben erlitten habm. Durch dieseBiegungen und ferner durch viele gewaltsame Zerreißungen und Übereinanderschie-bungen mächtiger Schichtensolgen geschah es, daß häufig jetzt ältere Gesteine überjüngern liegen. Man kann daher nur durch eine sorgfältige Beobachtung des weiter»Verlaufs dieser Schichten und ihrer gegenseitigen Beziehungen an andern Punktendiese scheinbaren Widersprüche lösen.
Auch an der Begrenzung der Kalkalpen und der tertiären Molaffe- und Nagel-flueformation beobachtet man sehr merkwürdige Schlchtcnverschiebungen. Es fallennämlich am Nigi und an allen Bergen dieser Ketten die Schichten der Alpen gegendie Hauptmasse derselben herein, sodaß dieselben an den Contactpunkten deutlich un-ter die Kalkberge zu liegen kommen und so ihre Grundlage zu bilden scheinen, wäh-rend doch diese Kalkformation, wie aus allen Umständen aus das deutlichste hervor-geht, entschieden älter ist als die Nagelflue und daher, einem ganz natürlichen Ge-setze zufolge, die Grundlage dieser jüngern Bildung sein sollte. Dieses anomaleVerhältniß, welches von dem ältern Escher schon längst beobachtet wurde, war für