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Achter Band.
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320 Die Freie Stadt Bremen.

mit patriarchalischer Gemüthlichkeit und Solidität betrieben, nahm plötzlich den Cha-rakter des waghalsigsten Spiels an. Bei jedem Unternehmen stand gewissermaßenAlles auf den: Spiele, aber im Falle des Gelingens wurden auch große Summengewonnen. Selbst wenn die Contrebande im Speicher lag, war man noch nichtsicher. Die Zollbeamten hatten ein feines Spürorgan, und ihre Visitationen konntennachträglich noch alle Berechnungen zu Schanden machen. Glücklicherweise warendie meisten von ihnen der Bestechung zugänglich; aber es gab auch Ausnahmen, unddann mußte die Wachsamkeit durch List und Kühnheit bekämpft werden. Noch heuteerzählen alte Kaufleute mit Wohlgefallen von jener Zeit, wo ihr Beruf einen ro-mantischen Anstrich gewann, und wo Abenteuer sich ereigneten, die noch jetzt in derErzählung den Zuhörer mit Angst und Spannung erfüllen. Manches glänzende Ver-mögen ist damals rasch gewonnen worden, aber über die erlittenen Einbußen hat sichVergessenheit gelagert.

Vielleicht ist jene abenteuerliche Zeit heilsam für den Charakter des bremischenGeschäfts gewesen. Bis zur französischen Zeit fehlte es ihm an wagendem Muthe,an Rührigkeit und an Sinn für neue Unternehmungen. Nur einzeln hatte sich im18. Jahrhundert ein bremer Schiff über den Ocean gewagt; vornehmlich fuhr manin den altbekannten Bahnen nach Spanien und Portugal, nach Bordeaux, nachEngland, Holland und den baltischen Häfen. Noch in den siebenziger Jahren schick-ten die br.emcr Kaufleute ihre Söhne, wenn sie auswärts die Handlung erlernen soll-ten, selten weiter als nach Antwerpen und nach Rotterdam, und es galt schon füretwas Außerordentliches, wenn einmal ein junger Bürger in London aufs Comtoirgegeben ward. Im Anfang des Jahrhunderts trat England an die Stelle der Nie-derlande. Fast alle bremer Kaufleute, welche jetzt 60 — 70 Jahre alt sind, habenihre Jugendjahre in London oder Liverpool zugebracht. Der Verkehr mit transatlan-tischen Ländern lag damals für die meisten noch in unnahbarer Ferne, und es warennur einzelne Häuser ersten Ranges, welche ihn allerdings zum Theil sehr großartigbetrieben. Unbemittelte junge Leute gingen dann wol mit den Schiffen solcher Häu-ser als Supercargo hinüber nach Baltimore, Havana, Bahia, Nio oder BuenvsAyres, die nun, wenn sie heimkehrten, als weitgereiste Männer angestaunt wurden-Eine Expedition nach Amerika war ein förmliches Ereigniß an der Börse, und dieältern Herren stritten dann wol miteinander, ob St.-Thomas eine Insel oder Fest-land sei. Die Fremdherrschaft, wie sie überhaupt jeden reichsstädtischen Schlendrianfurchtbar unterbrach, erschütterte auch das alte kaufmännische Stillcbcn der Häuserzweiten und dritte» Rangs. Man lernte wagen und versuchen, man gewöhnte sichan außergewöhnliche Verhältnisse und Unternehmungen. Als die leipziger Schlachtauch die Mündungen der deutschen Ströme befreite, da erwachte ein Handelslcbenin den Hansestädten und zumal in Bremen, wie man es zuvor nicht gekannt hatte-Ehe ein Jahrzchnd verflossen war, gehörten die Reisen der bremischen Schiffe nachden Vereinigten Staaten und nach Wcstindien zu den gewöhnlichen Dingen. Dertransatlantische Verkehr gewann in kurzer Zeit eine solche Bedeutung, daß er de"europäischen vollkommen in Schatten stellte. Von Jahr zu Jahr gingen junge Bre-mer hinüber in den /erneu Welttheil und begründeten dort Commanditen oder eigensHandlungshäuscr. Überhaupt war in der schweren Zeit Geist und Blick der Men-schen weiter geworden. Die Franzosen hatten neben unermeßlichem Unheil doch auchmanches Gute gebracht. Sie baute» Chausseen durch die unwegsamen Sümpfe undHaidcn; sie emancipirten die Juden und befreiten die Bauern vom mittelalterliche"Drucke; sie gaben die Gewerbe frei, und verbreiteten in den bürgerlichen Classen dasBewußtsein der Gleichheit. Diele von den alten Übelständcn wurden freilich augen-blicklich nach dem Sturze Napolcon's wieder ins Leben gerufen, aber manchesblieb doch auch bestehen; und wo die neuen Einrichtungen durch den frischen Da-gegen alles Fremdländische niedergerissen wurden, da erhielt sich doch der Kein'selbständigen Reformen. So ward nach der Restauration des Senats, die im No-vember 1813 unter unendlichem Jubel der Bevölkerung erfolgte, das alte Zunftwcst