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Achter Band.
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Die Freie Stadt Bremen.

glücklichen Parias des Dorfs, berechnend und erwerbsüchtig namentlich in den Fami-milienverbindungen, die er abschließt. So hart dieses Urtheil erscheint, so wird esdoch von den wohlwollendsten Kennern des Landvolks allgemein ausgesprochen. Trotzalles äußern Christenthums und regelmäßigen ehrbaren Kirchenbcsuchs hat doch derBauer sein eignes Sittengeseh, welches von dem der übrigen civilisirte» Welt erheb-lich abweicht. Prediger und Schulen haben bis jetzt wenig gegen diese Barbarei desHerzens vermocht, ebenso wenig wie gegen die altgeheiligten geschlechtlichen Frei-heiten , welche auf dem Lande gang und gäbe sind. Indessen fehlt es dem hartenUrtheile nicht an Milderungsgründen. Dahin gehört vornehmlich der schrankeinoseDespotismus, mit welchem von Alters her die Stadt ihr Gebiet beherrscht hat. Derbremische Bauer war bis zum Jahre 1848 politisch vollkommen rechtlos; eigentlicheGcmeindeverfassungcn bestanden nirgends. Zwei Mitglieder des Senats, die sogenann-ten „Landherren", in frühern Zeiten die „Gograsen" (Gaugrafen), schalteten undwalteten, der eine aus dem rechten, der andere auf dem linken Wcserufer mit derMachtvollkommenheit eines Proconsuls; und wenn die Humanität unserer Zeit dieGehässigkeit einer solchen Gewalt weniger grell aus Licht treten ließ, so kann mansich doch denken, welcher materielle Druck sie manchmal in rauhern und gewissen-losern Zeitaltern begleitet haben. Die Stadt bildet im bremischen Staate so entschie-den das überwiegende Element, das Land ist so sehr Nebensache, daß die besten undtalentvollsten Bürger sich wenig um die bäuerlichen Angelegenheiten bekümmerten,und das Landvolk blieb bis in dieses Jahrhundert in einem Zustande arger Roheitund Verwahrlosung. Das Schulwesen, früher kaum in den dürftigsten Ansängenvorhanden, beginnt erst jetzt sich etwas gedeihlicher zu entwickeln. Von einem Ge-meindeleben ist auch gegenwärtig noch keine Spur zu finden, und das Schlimmstebleibt, daß für ein solches den Bauern selbst jeder Sinn zu fehlen scheint. Fast nurin den allerdings hochwichtigen Deichangelegenheiten verrathen sich die ersten Keimeder Selbstbestimmung, obwol auch da ohne das obrigkeitliche Machtwort nichts zuStande kommen würde. Für landwirthschaftliche Verbesserungen hat man seit einigerZeit angefangen Einiges zu thun. Man hat eine Kammer für Landwirthschaft ein-gerichtet, halt Thierschauen u. s. w.; aber auch zu solchen Fortschritten geht die An-regung fast immer von der Stadt aus, und der Bauer, wenn er auch äußerlich den„Kram" mitmacht, ist doch im Herzen nichts weniger als erbaut von solchen phil-anthropischen Bemühungen, die er eher als städtische Spielerei zu bespötteln geneigtscheint. Landbau und Viehzucht sind in Oldenburg und Hannover auf einer höhernStufe als im bremischen Gebiete, und überhaupt ist der Bauer in jenen Nachbar-ländern tüchtiger und intelligenter. In manchen Dingen ist bureaukralisches Regi-ment offenbar erfolgreicher als reichsstädtisches. In materieller Beziehung kann da-gegen der bremische Bauer sich nicht beklagen: der Militärdienst und die Steuerlastsind leichter als in den Nachbarländern, und die unmittelbare Nähe der großen undwohlhabenden Stadt bringt dem Gebiete mannichfachen Vortheil, der bei größererIntelligenz sich noch erheblich steigern würde. Auswanderung bremischer Landleurenach Amerika kommt fast gar nicht vor, obwol die Gelegenheit ihnen so nahe gerücktist. In der unmittelbaren Umgegend der Stadt hat sich der Landbau längst in Gar-tenbau verwandelt; hier werden auf fettem Erdreich vortreffliche Gemüse gezogen,deren Güte niit den besten Erzeugnissen dieser Art wetteifert. Manche Sorten, na-mentlich der Blumenkohl, werden nach Hannover, Braunschweig und weiter expor-tirt. Auf diesen Ländern sitzen die wohlhabendsten Bauern, die auch schon mehr zuStädtern geworden sind, Leute, die in mancher deutschen Residenzstadt für reich gel-ten würden. Der Grundbesitz des Bauern geht regelmäßig auf den ältesten Sohnüber; es wiederholen sich in dieser Beziehung alle jene Verhältnisse, die mit Scnio-raten und Juniorsten verbunden sind.