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Achter Band.
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232 Die Freie Stadt Bremen.

Chokolade, Kaffee, Wein, Backwerk», Cigarren wurden in ungeheuren Quantitätenverbraucht. Der Jugend auf der Straße warf man Körbe voll Kuchen durchs Fensterzu; und gar mancher Bürger achtete es bei solchen Anlässen nicht für Raub, nacheigener Sättigung Rocktaschen und Hut mit allerlei guten Dingen anzufüllen undseiner Frau Ehelichsten mitzubringen, wenn anders die muthwillige Straßenbevölkc-rung, welche draußen auf solche Freibeuter eifersüchtig lauerte, ihn ungeschoren ziehenließ. Dieses harmlose Plündern hatte einen eigenen technischen Namen; man hießes „isen", und den vollgepackten Heimkehrenden verfolgten die Jungen mit demRufe: äs llet is't (der hat geeist). , Das Wort selbst stammt aus den Zeiten, wodie Festung Bremen noch im Winter aus Vorsicht den Stadtgraben aufessen ließ,bei welcher Arbeit die Bürger wol mehr als billig der Flasche zusprachen, sodaß mansich von einem Betrunkenen gewöhnte zu sagen, er habe wol geeist.

Bei solchen und ähnlichen öffentlichen Festen bemerkte man selbst bis zum Jahre1847 niemals eine Spur von politischer Erbitterung; im Gegentheil war das Ge-präge derselben ein brüderliches und bürgerliches. In der Masse der kleinen Bürgeräußerte sich durchgehcnds ein wohlwollender Respect vor dem Rathe; in den höhernClassen nahm die Opposition der Liberalisirenden doch nie den Charakter leidenschaft-lichen Hasses an. In seinem persönlichen Treiben fühlte sich Niemand beengt; Jedersah die menschliche Würde und das Recht des Einzelnen gewahrt; die ganze Bevöl-kerung machte entschieden den Eindruck der Zufriedenheit. Nur in solcher Atmosphärekonnten überhaupt diejenigen alten Gebräuche sich erhalten, welche den Patriotismus,die Rechtschaffenhcit und die Opferbcreitschaft des einzelnen Bürgers als selbstver-ständlich voraussetzen. Dahin gehört, außer der unentgeltlichen Besorgung vielermühsamen Ämter, vor allem die eigenthümliche Art der Steuererhebung in Bremen-Die Kaufleute entrichten die (allerdings sehr geringfügigen) Eingangs-, Durchgangs-und Ausgangszölle lediglich nach ihrem Gewissen, ohne irgendwelche Controle, »ndgleichwol bilden diese Abgaben ein wesentliches Item des Budgets. Noch merkwür-diger aber ist die Erhebung der Vermögens- und Einkommensteuer, des sogenannte»„Schosses". Im Mittelalter war diese Erhcbungsweise i» vielen deutschen Städtengebräuchlich, und Macchiavell noch redet von dieser in Deutschland vorkommenden Ab-gabe als von etwas Unglaublichem. Der Vermögensschoß ist keine regelmäßige Steuer;er wird nur zur Deckung außerordentlicher Ausgaben ausgeschrieben, je nach den»Bedarf ein sechszehntcl, ein achtel, ein viertel Procent; in den schlimmsten Zeiten istauch wol ein ganzes Proccnt vom Vermögen gefedert worden. Dieser Schoß wirdvon Jedem auf seinen Bürgereid entrichtet. Auf dem Nathhause steht eine große ver-schlossene Kiste mit einem offenen Spalt; der Steuernde legt die Abgabe von 300»Thalern Capital vor der fungirenden Deputation nieder; was er darüber zu ver-steuern hat, wirst er in die verschlossene Kiste. Niemand erfährt was er hineinge-than; nur sein Eid controlirt ihn. Auf dieselbe Weise wird die jährlich wiederkeh- irende Einkommensteuer erhoben. Sie beträgt ein Procent für jedes jährliche Ein-kommen von 500 Thalern und darüber; für ein Einkommen von 250—409 Thaler»wird ein Thaler bezahlt, alle geringern Einnahme» sind frei. Nur die ersten fü»sThaler werden offen bezahlt. Freilich läßt sich bei dieser Einrichtung das Maß derins Spiel kommenden Unredlichkeit niemals nachweisen, aber es ist bcmcrkenswerth,daß alle vorläufigen Veranschlagungen noch immer hinter dem wirklichen Ergebnisseder Steuer zurückgeblieben sind. Die Einkommensteuer wirft etwa 60000 Thal»Gold ab und wird ungefähr von der Hälfte der Bevölkerung getragen, natürlichsehr ungleichen Verhältnissen. Im Jahre 1851 z. B. fand man eine einzige Rollemit 1500 Thalern in der Schoßkiste.

Ohne allen Zweifel barg schon lange vor der Revolution dieses äußerlich stblühende Gemeinwesen ein heimliches Gebrechen in seinem Schoose, und bei allerNachsicht, bei aller Veranschlagung der mildernden Umstände ist die regierende Classsnicht von großer Schuld freizusprechen, daß sie dieses Gebrechen so kolossal hatwachsen lassen, wie es sich jn den letzten Jahren offenbarte. Es ist schwer ststi"' !