Band 
Achter Band.
Seite
332
JPEG-Download
 

332 Großbritannien.

oer>-), das viel ärger ist als das weiland Heilige römische Neichskammcrgericht, fürReform der corrumpirten Zollverwaltung und gegen eine ganze Menge anderer kost-spieliger Übel, die neben den Peel'schen Reformen nun wahrhaft drückend und lächer-lich erschienen. Das Ministerium Russell hatte alle Ansprüche hinzuhalten und sichselbst zu erhalten gewußt; aber nun endlich erwartete man allgemein und bestimmt,daß etwas, daß sehr viel geschehe, um so mehr, als das Ausstellungsjahr sich beson-ders durch parlamentarisches Nichtsthun ausgezeichnet und die Presse und der Jn-vasionslärm die Menge sehr aufgeregt und lebhaft an alle Schwächen des Staatserinnert hatte.

So sah man mit allgemeiner Spannung der Eröffnung deS Parlaments ent-gegen, erwartete auch besonders wichtige Enthüllungen über die Entlassung LordPalmerston's. Zudem war eine energische Niederlage des Ministeriums gleich imAnfange nicht mehr unwahrscheinlich, da es sich vergebens durch neue, populäre Mit-glieder zu stärken versucht hatte, und als ein kraftloser, von allen Parteien verlasse-ner Torso aufzutreten gezwungen blieb. Die Eröffnung des Parlaments am 3. Febr.Nachmittags, zum ersten mal in den grandiosesten aller gothischen Bauten, dem neuenParlamentspalaste, war vielleicht die glänzendste des Jahrhunderts. Und dennochhalf dieser Prunk nichts, um die auffallende Schwäche und Verwischung der Wahr-heit, welche in der Thronrede lag, zu verbergen. Von der Neformbill Lord JohnNussell's, seinem angeblichen Lebensretter und Verjüngungszaubermittel, hieß es blos,daß das Ministerium bedacht sei auf die geeigneten Maßregeln zur Fortentwickelungder Neformgrundsähe. Bei dem Frieden mit aller Welt ward die Hoffnung «losge-sprochen, daß die Regelung der dänischen Frage durch Ausführung des zu Berlingeschlossenen Vertrags gelingen werde. Der eigentliche Cardinalpunkt der inner»Politik, der nationalökonomische, wurde für ein Ministerium, das sich zum Freihan-del, also zur wissenschaftlichen Einsicht in die Verkehrsgesetzc bekannte, auffallend ge-nug ausgedrückt: die aufgegebenen und ermäßigten Steuern bekämen dem Volke gut,ohne den Staat zu benachtheilige». Als wenn Staat und Volk zwei ganz verschie-dene Dinge seien! als wenn jemals dem Staate ein Vortheil sein könne, was demVolke ein Nachtheil! als wenn der Staat, wenigstens ein cultivirtcr, ein andererBegriff wäre als die ganze Bevölkerung in einem Ganzen gedacht! In Bezug aufdie allgemein und längst verlangten Gesetzes- und Gerichtsrcformen ward zugegeben,daß nichts zum Frieden, zur Wohlfahrt und Zufriedenheit eines Landes mehr bei-trage als eine schleunige und unparteiische Rechtsprechung. Dennoch verlangte da§Ministerium hinterher, daß das Kanzlcigericht, wo ein Proceß um ein Haus län-ger dauert, als ein Haus stehen und eine Familie leben kann, in dieser Methode,Recht zu sprechen, erhalten werde. Die Thronrede wurde mit Lächeln, oft mit Spottauf den Straßen verkauft und gelesen. Man wußte nun, daß das Ministerium st^nen Tod nicht mehr überleben könne, wie dies während der frühern Parlamente Mol»'geworden.

Gleich das erste parlamentarische Ereigniß erwies sich als eine allseitige em-pfindliche Niederlage, die man nur deshalb wenig beachtete, weil Lord Palmerstou,auf den alle Welt sah, noch empfindlicher auf den Boden gefallen war. Russell sahsich schon am 4. Febr. genöthigt, Auskunft über die Entlassung Palmerston's S"geben. Diese Sitzung war eine der längsten und interessantesten, solange sie dauerte,die schwächste in ihren Ergebnissen. Der Premier setzte in einer langen Rede mGründe der Entlassung Palmerston's auseinander: er sei mehrmals ungehorsam gegt'ihn und die Königin gewesen, habe den Staatsstreich Bonapartc's gegen den sta>zösischen Gesandten Walewski anerkannt, ohne vorher seine Collegen zu fragen. 8*lich^ mußte er hinzufügen, auch er, Russell, erkenne ihn an. So habe man sich ^genöthigt gesehen, die Entlassung seines Collegen von der Königin zu erwirken. .Wie», von der „BreSlaucr Zeitung", welche gemeldet hatte, daß Palmcrston s"wlich von Schwarzenberg gestürzt worden, daß mau wenigstens von dieserin Wien eher gewußt habe als in London: von allen den Gründen, welche "