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Die kirchlich-religiöse Bewegung der Gegenwart.
Thatsache bezeichnet hinreichend den Standpunkt, von dem man in Nom die Auf-gabe der Zeit betrachtete. Der Jesuitismus schließt jede Versöhnung mit dem Kctzcr-thum einer «katholischen Christenheit, jede Anerkennung, oder auch, nur Duldungdesselben aus. Ebenso wenig erkennt er irgend eine weltliche Macht als eine berech-tigte an, sobald sie in irgend einer Weise mit der Herrschaft der Kirche und desPapstthums in Conflict gerä'th. Mit gleicher Schonungslosigkeit wie daS Ketzer-thum und die weltliche Negierungsgewalt bekämpft er die freie Sclbstentwickelungdes Individuums und der Völker. Zugleich widerstrebt er auch jeder Selbständig-keit der einzelnen Landeskirchen; denn die schrankenlose und »»getheilte Unterwerfungder Christenheit unter den untrüglichen und alleinigen Willen des Papstthums istdie Aufgabe, die er mit unausgesetzter Beharrlichkeit und mit unerbittlicher Strengeverfolgt.
Wenn wir auch nicht, wie es wol von manchen Seiten geschieht, die Jesuitenals die alleinigen Urheber der erbitterten Kämpfe und der zahlreichen Wirrnisse an-sehen können, welche in unserer Zeit den Charakter der Bewegung in der katholischenKirche bezeichnen, so müssen wir doch gestehen, daß die Principien des JesuitismuSin dieser Bewegung die leitenden seien, und daß auch die Mittel, die zur Erreichungdes vorgesteckten Ziels in Bewegung gesetzt wurden, dem Gebiete des Jesuitismusangehören. Umdüstcrung der Gemüther und Fesselung der Geister, Vcrketzerung undVerfolgungssucht gegen Disscntirende und Widerstrebende, Sondcrung und Anfeindungder Confessioncn, Misbrauch' der Volksgunst zur Schwächung der Staatsgewalt, derFürstengunst zur Unterdrückung der Volkssreiheit, das sind die Waffen, mit denender Kampf für die Alleinherrschaft der Kirche und für den hierarchischen Absolutis-mus mehr oder weniger offen geführt wird.
Verfolgen wir die Erscheinungen und den Gang dieser Bewegung in den ein- »zelne» Ländern Europas, so tritt uns zunächst in Italien und vor allem im Kirchen-staate selbst das lebendige Bild der Zustände entgegen, die sich auS der Wicdcraus-richtung des starr-hierarchischen und politisch-absolutistischen Kirchenrcgiments ent-wickelten. Unter der Regierung Pius' VII., Lco's Xll. und Pius' Vlll. gewann derJesuitismus immer mehr Ausbreitung und Einfluß, obwol Leo, als Cardinal Gcngaan der Spitze der übrigen geistlichen Orden und zahlreichen Weltpriester, demselbenentschieden feindlich gegenüberstand. Den Höhepunkt aber erreichte der hierarchischeAbsolutismus, als am 30. Nov. 1830 der düstere Camaldnlcnscr Mauro Capellarials Gregor XVI. den päpstlichen Stuhl bestieg, nachdem am 9. Juli 1829 der hol-ländische Pater Noothaan zum Ordcnsgeneral der Jesuiten erhoben worden war.
Obwol schon im Jahre 1820 sich das italienische Volk im Sude» und im Nor-den, in Neapel und in Piemont, gegen den Druck des weltlichen Absolutismus er-hoben hatte, der unmittelbar nach der Restauration wieder eingetreten war, so bliebdoch in Nom die Ruhe ungestört, theils weil sich die Last des geistlichen Regimentsnoch weniger fühlbar zeigte, theils auch, weil die Unzufriedenheit in der Ehrfurchtgegen das geheiligte Oberhaupt der Kirche ein natürliches Gegengewicht fand. Erstdie französische Julircvolution von 1830 gab den wirksamen Anlaß zur Erregungder Gemüther; und das schroffe Auftreten des neue» Kirchcnfürstcn bildete einen zu ?grellen Gegensatz gegen die neuerwachten Hoffnungen, als daß ein Zusammenstoßlänger hätte vermieden werden können. Der römische Aufstand von 1831 ward durchöstreichische Hülfe schnell unterdrückt, und Gregor glaubte nun seiner natürliche» Nei-gung durch Übung schonungsloser Strenge »»gescheut folgen zu können. Äh"'
Seite standen in diesem Streben als ofsiciellc Leiter der öffentlichen Angelegenheitender Cardinal-Staatssecretär Lambruschini, der unbeugsame und rücksichtslose Vertreterdes hierarchischen Absolutismus und der absolutistischen Hierarchie, und als geheimer,aber einflußreichster Nathgebcr der Jesuitengcneral Pater Noothaan. Letzterer üohne Zweifel das ausgezeichnetste Oberhaupt, das die Jesuiten seit langer Zeitsaßen: ein Mann, der sich ebenso sehr durch einen durchdringenden und wc> jschauenden Geist, wie durch Energie und Beharrlichkeit im Wirken, vor allem