30 Baiern unter den Übergrmgsministerien von 1847—49.
gleich erklang der Ruf nach einer lombardisch-vcnetianischcn Republik. In Ungarnhoben ini selben Augenblicke beide Ständetafeln die bisherige Staatsvcrfaffung auf,um sie in eine Repräsentativverfassnng mit individueller Vertretung jedes Staats zuverwandeln. In Preußen war soeben nach blutigen Straßenkämpfen ein Ministeriumder konstitutionellen Linken des Vereinigten Landtags berufen worden, und eine könig-liche Ansprache verkündete, daß von hier die Initiative einer deutschen parlamenta-rischen Gesammtvcrfassung ausgehen solle. Der König hatte die Stadt verlassen, dieTruppen waren daraus entfernt, eine Amnestie für alle politischen Vergehen undVerbrechen war ausgesprochen. Selbst der unbeugsame König von Hannover hattedas Ministerium Falke nicht mehr zu halten vermocht: es wich einem parlamentari-schen. In Sachsen war der liberale Professor von der Pfordten mit den Männernder parlamentarischen Opposition an das Staatsruder getreten. In Würtembergund Baden waren die Umwandlungen durch die Märzstürme nahezu vollendet. InFrankfurt stand bereits die Einweisungscommission des Vorparlaments zusammen.Die alten Bundestagsgesandten wurden abberufen und durch Männer ersetzt, derenNamen von populärstem Klänge. Die nordischen Herzogthümer hatten sich offenerhoben und losgesagt von der dänischen Herrschaft. Im Rausche solcher Zeichenüberhörte man beinahe das Manifest des weißen Zaren, welches aussprach: „DieFreundschaftsbündnisse und Verträge, welche Rußland mit den benachbarten Mächtenverbinden, legen uns die heilige Pflicht auf, frühzeitige Anordnungen zu treffen, einenTheil unserer Truppen auf den Kriegsfuß zu stellen, um, wenn es die Umständeerheischen, der verderblichen Ausbreitung der Anarchie einen festen Schutz entgegen-zustellen." Ja, die Autoritäten dieser Nachbarstaaten erklärten sogar, daß kein Bünd-niß zwischen ihnen und Rußland zu dessen Einmischung in ihre innern Angelegen-heiten bestehe, daß keine Verträge bekannt, welche Rußland zu solcher Sprache be-rechtigten.
Es war ein schwerer Moment für die Ergreifung der Krone und des Scepterseines deutschen Mittelstaats — wenn auch des größten. Nur ein einziger Umstandkonnte den Thronfolger mit Zuversicht und Hoffnung erfüllen: der entscheidende Ge-gensatz zwischen den gleichzeitigen Staatsänderungen in der romanischen und der ger-manischen Hälfte Europas. In Frankreich, nicht minder in Italien, durchschüttertedie Erhebung alle socialen Elemente, während sie den politischen Bestand der Dingevollkommen umstürzte. Hier wie dort (nur daß in Italien die Intentionen nochnicht zur Ausführung gediehen waren) charakterisirtc sich die Revolution durch dieVerleugnung, ja Vcrabscheuung aller geschichtlichen Überlieferungen. In Deutsch-land dagegen schienen die nationalen Regungen bisher nur das Ziel der Wiederher-stellung der mächtigsten europäischen Continentalmacht, der alten Reichswürde, zu ver-folgen. In Frankreich und Italien deuteten die vorhandenen Erscheinungen auf eineAuflösung aller Staatselemente; in Deutschland berief das Volk, weit entfernt seineFürsten zu ächten, die Träger der' bisher zersplitterten Macht an die Spitze desUnternehmens zu ihrer neuen, zeitgemäßen Zusammenfassung. Je wahrhaftiger dernationale und konstitutionelle Wille eines der Bundesfürstcn, desto ruhiger konnte ersich der Bevölkerung seines Staats anvertrauen, desto zuversichtlicher der Erfüllungseiner individuellen Pflicht bei der erhabenen Gesannntaufgabe entgegengehen.
Am zweiten Tage seiner Regierung, 22. März 1848, eröffnete König Maxi-milian II. die unter solchen Verhältnissen einberufene Ständeversammlung. SeineThronrede mußte entscheiden, ob der aufgescheuchte Argwohn der Bevölkerung rück-sichklich der Anerkennung der neuen Zeit durch den neuen Fürsten sich beschämtzurückziehen müsse. Allgemeine, ängstliche Spannung harrte seinen Worten entgegen.Die erste Proclamation an die Baiern hatte dem Zweifel einen zu weiten Raumgelassen und den Schürern und Wühlern ein zu bequemes Feld eröffnet. Es kamwirklich viel auf diese Thronrede an; nicht blos in Bezug auf die eigentlichen poli-tischen Fragen, sondern auch in Bezug auf das außerhalb der eigentlichen Politikstehende, bisher gewohnte Verhältniß der Baiern zu dem Landesvater. Daß ein so