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Östreich.
die bessere Einsicht über den blinden Gehorsam siegte. Die Propositionen des kai-serlichen Commissars Grafen Hartig waren von der mailändcr Regierung schnödezurückgewiesen, seine Vollmachten von Radchky verworfen worden, und als Dieserschon nach den Schlachten von Curtatone und Goito den Befehl erhielt, dem Feindeeinen Waffenstillstand anzutragen, hielt er mit dem Gehorsam rechtzeitig an,und wußte durch den „Diplomaten der Armee", den Fürsten Felix Schwarzenberg,einen Gegenbefehl von Innsbruck, wohin der Kaiser bereits geflüchtet war, zu be-wirken.
Mit dieser grenzenlosen Schwäche und endlosen Nachgiebigkeit in den italienischenAngelegenheiten läßt sich die Kraft und Energie, mit welcher sich das Ministeriumin der deutschen Frage aussprach, mit der verschwenderischen Freigebigkeit dort dieErwerbgier hier schwer vereinigen. Dieser Widerspruch ist aber nur scheinbar, undwas äußerlich einer festen Kraft gleicht, wird, sobald man nur auf das Wesen nä-her eingeht, gleichfalls zur Schwäche und Passivität. Auch hier folgte die Regie-rung nur dem Strome der Tagesmeinung, und that nur Das, wozu sie äußereImpulse nöthigten. Es war die wiener Bevölkerung, welche im Preußenhasse derRegierung voranging, dem Kaiser die deutsche Fahne in die Hand drückte, welchedie schwarzrothgoldenen Farben dem Ministerium aufdrang und den Gedanken anden Primat Östreichs erweckte. Die Initiative ging nirgends von oben aus: derGedanke und die That waren hier wie überall von außen eingegeben. Daß sichaber das Ministerium nicht lange nöthigen ließ, dies erklärt die traditionelle Eifer-sucht des wiener Cabinets gegen Preußen, die nie völlig abgestorbene Erinnerungan den vielhundcrtjährigen Besitz der deutschen Kaiserkrone. Auch die Unbestimmt-heit und Zerflosscnheit der deutschen Frage, die Vieldeutigkeit der versprochenen Re-formen waren ein Hebel mehr zur Nachgiebigkeit gegen die Wünsche des wienerVolks. Man verpflichtete sich zu nichts Positivem und erfreute sich dennoch desSonnenscheins der Volksgunst. Wäre der Enthusiasmus der Wiener für das Deutsch-thun, politischer Natur gewesen, gewiß hätte die widerstrebende Kraft der Regierungan Umfang und Dauer gewonnen und diese nur spät und ungern die deutsche Sachezu der ihrigen gemacht. Die politischen Folgen aber wurden von den Wenigsten be-dacht, die Rückwirkungen auf die Vcrfassungsverhältniffe des eigenen Staats von Nie-mandem überlegt. Alle Zeugnisse sprechen dafür, daß der Enthusiasmus für diedeutsche Einheit aus dem allgemeinen Nativnalgefühle hervorging und vorzugsweiseals Ausdruck der Opposition gegen das mächtig sich regende Slawcnthum galt.Niemand — wenigstens in der ersten Zeit nicht — fürchtete den Conflict zwischenden politischen Interessen Östreichs und Deutschlands; Jeder war von dem nahenKampfe zwischen Slawen und Germanen überzeugt und nahm in Voräussicht diesesKampfes seine Partei. Ein Flugblatt, welches unter dem Titel „Deutsch oderSlawisch?" in Wien circulirte und großen Erfolg errang, datirt zwar aus einer spä-ter» Zeit, nämlich aus den letzten Apriltagen. Was aber dort mit Rücksicht aufden östreichischen Reichstag gesagt wurde: „Zwei Slawen werden stets einem Deut-schen gegenübersitzen, der mächtige Slavarnf wird eure deutschen Stimmen übertö-nen, die slawische Sprache wird die Sprache des Reichstags werden, ihr selbst wer-det aber stumm dabei sitzen und die Befehle der Fremden empfangen" — dies wargleich im Beginne der Bewegung, namentlich in Wien dumpf gefühlt worden undgab vorzugsweise Anstoß zur entgegengesetzten deutschthümliche» Demonstration. Jaes ist notorisch, daß gar viele Enthusiasten für die deutsche Einheit, Tausende, diesich mit den deutschen Farben schmückten, nichts Anderes damit meinten als die Fort-dauer der deutschen Form in der Regierung Östreichs. Daraus erklärt sich die großeZahl conservativer Elemente im deutschen Lager, besonders in den Provinzen gemisch-ter Nationalität und die vcrhältnißmäßigc Gleichgültigkeit der Deutschöstreicher, alsdas politische Schicksal Deutschlands entschieden wurde. Sie drückte nicht der Schuhder Kleinstaaterei, für sie, die Bewohner eines Großstaats, cxistirten die meisten po-litischen Irrationalitäten nicht, von welchen „das Reich draußen" befreit sein wollte: